Buon Compleanno Leonca!

Vor 15 Jahren wurde in der Via Watteau das CSOA Leoncavallo besetzt. Ein Bochumer Genosse war damals dabei und veröffentlichte folgenden Text in verschiedenen autonomen Zeitschriften in Deutschland, Holland, Österreich und der Schweiz:

Mailand – 8. bis 10. September 1994

Neubesetzung des „Centro Sociale Leoncavallo“ und italienweite Demo in Mailand (Augenzeugenbericht)

Vorgeschichte (stark vereinfacht)

Eines der ältesten, größten und für Norditalien bedeutendsten politischen Zentren ist das „Leoncavallo“ in Mailand. Zentrum ist hier nicht griffig. Das Leoncavallo ist ein „centro sociale“. Die „centri sociali“ entstanden in den 70ziger Jahren als Ausdruck und Organisationsform einer starken linksradikalen Bewegung in Italien, den Autonomen, die stark Basis-, Stadtteil- und ArbeiterInnenbewegung orientiert waren und sich auch heute, trotz niedergegangener Stärke und internen Veränderungen, noch so orientieren. Das Leoncavallo wurde 1975 in einem Stadtteil im Nordosten Mailands besetzt. Dieser Stadtteil war und ist geprägt durch die Traditionen der ArbeiterInnenbewegung, sowie durch starke Arbeitslosigkeit und rücksichtsloser Grundstücksspekulation. Zur praktischen Politik des centro gehörten neben einer Kneipe, Sporträume, Veranstaltungs- und Konzerthalle, Bibliothek und Fotolabor, Theatergruppe, Proberäume und Siebdruckerei, eine Kindertagesstätte für Kleinst- und Kleinkinder, Hausaufgabenhilfe für SchülerInnen, Fort- und Weiterbildungskurse für ungelernte und arbeitslose ArbeiterInnen, eine Gesundheitsstation mit kostenloser Gesundheitsversorgung und eine Gynäkologiestation. Durch die politischen Veränderungen in den 80zigern und den Niedergang der sozialen und autonomen Bewegung (neben einer enormen staatlichen Repression) schliefen Teile der basisiorientierten Praxis (hier ist die
Stadtteilorientierte Politik mit Gresundheitsstation, Weiterbildung und Kindertagesstätte im Leoncavallo gemeint – wozu ich Informationen bekam) ein. Zum Bedauern vieler AktivistInnen brach dadurch auch der direkte Kontakt zu den Bewohnern des Stadtteils mehr und mehr ab und somit auch die Solidarität zum centro. 1978 wurden zwei Genossen des Leoncavallo, Fausto Tinelli und Iaio Iannucci, in der Nebenstraße des centro von Faschisten erschossen. Darauf hin bildete sich die Gruppe „mamma del Leoncavallo“, die auch heute noch bei der Besetzung und der Demonstration tatkräftig mithalfen. Fausto und Iaio sind Genossen auf die sich das Leoncavallo immer wieder bezieht. Auch heute werden in Italien und Mailand immer wieder centri sociali von Faschisten und Skinheads überfallen. Mittlerweile aber auch von Legisten (Anhänger der Lega Nord). Die häufigste Form neben direkten Angriffen auf die centri, sind das Auflauern und Zusammenschlagen von Leuten, die aus den centri kommen. Das Centro Leoncavallo wurde 1989 das erste Mal geräumt. Viele Leute wurden verhaftet, landeten im Gefängnis und haben bis heute noch Prozesse. Es gibt in Italien ein Gesetz, das einen Menschen zur öffentlichen Gefahr und Staatsfeind definiert. Diese Menschen dürfen die Stadt ohne Erlaubnis nicht verlassen, nicht arbeiten und müssen sich
täglich bei der Polizei melden. Dies betrifft auch Leute aus dem Leoncavallo. Nach der Räumung und dem Abriss des „Leonka“ wurde das Gebäude von den „BesetzerInnen“ aus den Ruinen wieder von Grund auf aufgebaut. Auch die zerstörte Bibliothek und Einrichtungsgegenstände wurden von ihnen wieder angeschafft. Gesundheitseinrichtung, Kindertagesstätte und Gynäkologiestation gab es leider, wie schon erwähnt, nicht mehr.

Im Januar 1994 wurde das Leonca das zweite mal geräumt. Der für das Bürgermeisteramt kandidierende Legist Marco Formentini, der unter anderem mit dem Wahlversprechen, das Leoncavallo zu räumen, angetreten war, hatte die Wahl im Dezember 1993 gewonnen und sein Versprechen umgehend im Januar umgesetzt. Dort wo das Leoncavallo stand ist nun eine
riesige „Baulücke“. Nach zähen Verhandlungen bekamen die LeocavallistInnen ein Gebäude an der Peripherie Mailands bis zum November diesen Jahres zugesprochen. Trotz diesen Versprechens ließ die Stadt Mailand das Gebäude, das Krupp gehört, am 10. August räumen. Zu einer Zeit, wo in Italien die Menschen die Städte verlassen, um am Meer oder auf dem Land Urlaub zu machen und die Städte, wie auch die centris, leer sind. So traf die Polizei auch nur wenige Leute des Leonca an und konnte mühelos räumen. In der ersten Woche nach der Räumung trafen sich die Leute aus dem Leoncavallo in einem Park, dann in einem anderen centro und in der dritten Woche in einem Amphitheater, das in einem Park an der Via Bertelli liegt. Dort hatten sie sich mit Planen, Zelten und einem Generator eingerichtet, der für den nötigen Strom für Licht, Kühlschränke, Musik, Kocheinrichtung, sowie den Videobeamer für Filmvorführungen sorgte. In der Zwischenzeit waren sie aber auf der Suche nach einem neuen Objekt zum Besetzen. Dies Objekt war schnell ausgemacht. Eine riesige leerstehende Großdruckerei an der via Lucini, in dem selben Stadtteil ihres letzten centro, in dem sie weiterhin bleiben und Politik machen wollen. Sie gehört einer Erbengemeinschaft, die das Gebäude seit vier Jahren leerstehen läßt. Das Hauptgebäude besteht aus zwei riesigen
fußballfeldgroßen Hallen und mehreren Hallen in den Obergeschossen. Daran schließt sich ein wunderschöner Innenhof mit angrenzenden Werkschuppen und Garagen an.

8. September – Die Besetzung

Um drei Uhr Nachmittags drangen auf verschiedenen wegen BesetzerInnen in das Gebäude ein, stellten umgehend Wachen auf, erkundeten das Gebäude, brachen die Stahltüren zum Flachdach auf und schafften pyrotechnisches Material und Unmengen Steine zur Verteidigung auf das Dach. Nachdem ein Haufen JournalistInnen auf und wieder abgezogen waren, ließen sich nach zwei Stunden einige Hundertschaften Carabinieris sehen. Die BesetzerInnen ( 30 -40 Frauen und 60 – 70 Männer) verschanzten sich umgehend auf dem Flachdach. Die Carabinieris postierten sich an beiden Seiten der Straße unter Unterführungen und der Polizeisprecher forderte die BesetzerInnen auf, sich innerhalb einer halben Stunde zu ergeben.
Würde dies nicht erfolgen, würde die italienweite Demonstration am Samstag nicht stattfinden dürfen. Die BesetzerInnen erwiderten darauf, er sei wohl falsch gewickelt und solle erstmal Pizza und Bier ranschaffen. Das Ultimatum verstrich und die Polizei drängte die JournalistInnen ab, die sich aber sofort an anderer Stelle wieder mit ihren Kameras aufbauten. Die Polizei postierte sich gut sichtbar mit Schildern und Gewehren mit Gaskartuschen. Kurz darauf preschte ein Räumpanzer durch die Straße. Dieser wurde sofort mit Steinen beschmissen und mit Raketen beschossen. Die Leute auf dem Flachdach schrien den
Carabinieris und ihrem Panzer Parolen nach, deren Intensität, Lautstärke und Hass ich in Deutschland selten gehört habe. In der darauf folgenden Stunde des Abwartens wurde das Gefühl der bevorstehenden Eskalation immer stärker. Aber ebenso war die Lage auf dem Dach geprägt von Solidarität, Entschlossenheit und Mut. Um so verblüffender war es, dass die Carabibnieris nach einer Stunde abrückten. Gerade zu einem Zeitpunkt als einige Häuserzeilen weiter sich eine riesige Rauchsäule erhob. Hier
eröffnete die italienische Wagensportliga, aus gegebenem Anlass, ihre Herbstsaison. Wie sich später herausstellte hatte der Polizeipräsident Roms diesen Rückzug angeordnet, da sein ihm unterstellter Mailänder Kollege erst drei Wochen im Amt ist. Nachdem sich die Polizei zurückgezogen hatte, strömten die SympathisantInnen, die sich vor einem anderen centro versammelt hatten, zum Leoncavallo und beglückwünschten die total durchgefrorenen und durchnäßten BesetzerInnen. Bis zum Abend strömten 200 bis 300 SympathisantInnen ins neue Leoncavallo und es wurde umgehend mit Aufräumarbeiten begonnen. Die regionale und überregionale Presse Italiens berichtete am nächsten Tag breit über die Ereignisse und buchte, trotz immenser Hetze, die Ereignissee als einen Erfolg des Leoncavallo ab. Ein Bürgerkommitee aus der Nachbarschaft erschien, hieß die BesetzerInnen willkommen und besah sich, ebenso wie viele einzelne Nachbarn, alles neugierig. Die Aufräum-
und Renovierungsarbeiten hielten den ganzen Tag an. Die Hallen und der Hof wurden gesäubert, Kabel für Licht und Elektrogeräte verlegt, Tresen und Infotische aufgebaut, et., etc.. Neben dem großen Eingangstor entstand ein riesiges Graffiti und zahlreiche Transparente wurden für die Demo des nächsten Tages hergestellt.

Die Demonstration am 10. September

Die Demonstration am Samstag den 10.10. hatte zwar den konkreten Anlaß der Räumung des Leoncavallos drei Wochen vorher, wurde von allen aber als eine Demonstration der Sozialen Bewegung gegen Regierung und Kapital verstanden. Sie stand unter dem Motto: „Un programma per l´opposizione sociale“. Es wurden ca 10000 Leute erwartet. Es dürften aber wohl weit
mehr als 15000 gewesen sein. Ausgangspunkt der Demonstration war die Porta Venezia. Eine riesige Kreuzung. Zu Beginn der Demo war die Kreuzung völlig überfüllt. Tausende aus ganz Italien waren angereist. verschiedene centri sociali, politische Gruppen, von revolutionären KommunistInnen, AnarchistInnen, SozialrevolutionärInnen, kleiner kommunistische Fraktionen, TrotzkistInnen, lesbische Gruppen, Gruppen der Rifondazione Communista, Theater- und Musikgruppen und viele
Autonome. Sie führten riesige Transparente mit sich und es waren überwiegend rote Fahnen zu sehen. Percussiongruppen und Theatergruppen mischten sich locker unter und alle waren recht bunt gekleidet, kaum in erkennbaren Gruppen und zu 80% unvermummt erschienen. Die Leute des Leoncavallo bildeten die ersten Reihen der Demonstration. Sowie mit der Gruppe Mikele aus Rom die letzten Reihen. Sie traten einheitlich weiß vermummt auf.

Die Porta Venezia war von starken Polizeikräften und Spezialeinheiten umstellt. Die Polizei stellte Schlagstöcke, Schilder, Gas- und Gummigeschossgewehre offen zur Schau und die Demonstration begann sofort mit einer Provokation seitens der Polizei. Als sich die Demonstration in Bewegung setzte, versperrten ein-zwei Hundertschaften ihr den Weg und es kam zum ersten Schlagstockeinsatz, der mit Flaschen- und Steinwürfen beantwortet wurde. Nach einer längeren Zeitspanne zogen sich die
Carabinieris zurück und die Demonstration konnte endlich beginnen. Mit Stackatorufen, Parolen, Liedern und Klatschrhytmen zogen die DemonstrantInnen dann den ihnen von der Polizei diktierten Weg entlang. Wieder war die Lautstärke und Intensität nicht zu vergleichen mit deutschen Demos. In jeder Seitenstraße waren gut und massivst Polizei und ihre Wagen sichtbar und ein Hubschrauber kreiste immer über dem Geschehen. So ließen es sich die DemonstrantInnen auch nicht nehmen, immer wieder die Polizei zu beschimpfen. Das staatliche Arbeitsministerium und das Justizgebäude wurden mit Farbbeuteln eingedeckt und während der ganzen Demo antifaschistische Parolen gegen Berlusconi, die Lega Nord und die Alleanza Nazionale (vormals MSI) gesprüht. Im Ganzen war die Demo aber eher locker, spaßig und , abgesehen von den Parolen, wenig aggressiv.
Dies änderte sich als die DemonstrantInnen von der vorgeschriebenen Demoroute abweichen und die Straße passieren wollten, die zum Polzeipräsidium führte. Durch die dort stationierte Polizeisperre durchzudringen gelang der Demo nicht und es kam zum Schlagstockeinsatz der Polizei, der mit Steinwürfen beantwortet wurde. Als die Demo sich entschloß in eine andere Richtung auszuweichen, wurde die bis dahin leere Straße von den Carabinieris abgesperrt und es kam wieder zu einem
Schlagstockeinsatz. Diesmal wich die Polizei aber zurück. Dadurch und durch das Zögern der nachrückenden DemonstrantInnen, entstand eine große Lücke, die zwei Hundertschaften dazu ausnutzten, den ersten Teil der Demo brutal anzugreifen. Besonders hervor taten sich Polizisten einer Spezialeinheit, die, außer mit einem Helm, ganz in Zivil waren und am
brutalsten prügelten, selbst Steine schmissen und schließlich mit gezückten Pistolen gegen die DemonstrantInnen vorgingen. Den DemonstrantInnen gelang es den Angriff zurückzuschlagen und die Polizei setzte Tränengas ein. In den folgenden Auseinandersetzungen wurden zig Autos umgeschmissen, angezündet, Scheiben von Banken eingeschmissen, und Nobelkarossen und -geschäfte demoliert. Wie lange die Auseinandersetzungen noch dauerten kann ich nicht sagen, da ich mich in einem großen Pulk DemonstrantInnen am Hauptbahnhof entlang bewegte, der immer wieder mit Schlagstöcken und Tränengas angegriffen wurde. Hier setzte ich mich ab. Wie sich später heraus stellte, zog ein Großteil zu einem weiteren centro, das nachts noch von der Polizei umstellt wurde. Aus den Überschriften der Sonntagszeitungen konnte mensch entnehmen, das
Krieg in Mailand geherrscht hätte und die 70ziger Jahre, samt Stadtguerilla zurückgekommen seien. Auf mich machte die Demo nicht einen solchen Eindruck. Meiner Meinung nach, wird hier etwas politisch hochgespielt, was der Staat dann instrumentalisieren kann. Andererseits sind die GenossInnen diejenigen, die am entschiedensten und klarsten gegen die Rechtsregierung aus Faschisten, Legisten und der Forza Italia sind. Und somit deren Haßobjekt Nummer 1. Auf der anderen Seite hatte ich den Eindruck, daß viele GenossInnen von der Brutalität der Polizei völlig überrascht und unvorbereitet waren.
Auf meine Nachfrage bestätigte mir jemand aus dem Leoncavallo, daß es solche Auseinandersetzungen seit 1986 nicht mehr in Mailand gegeben hätte. Für 90 % aller DemonstranInnen sei dies völlig neu und sie seien ohne jegliche Erfahrungen in dieser Art von Auseinandersetzungen.

(Mittlerweile ist Montag der 12.10.. Das Leonvavallo ist trotz Befürchtungen noch nicht geräumt worden. Ich hoffe, ich habe Euch einen ersten Eindruck über Mailand um den 8.bis 10.10. vermittelt. Da ich weder Italienisch kann und vieles über Italien nicht weiß, bleibe ich Euch eine ganze Menge Details, Sachverhalte und Einschätzungen schuldig. Ich hoffe, dass dies bald durch mehr Informationen aus Italien wett gemacht werden kann.)

Unterstützt die Soziale Bewegung Italiens
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Hoch die Internationale Solidarität!

weitere Fotos hier:

http://de.indymedia.org/2009/01/240838.shtml
http://de.indymedia.org/2009/01/240854.shtml