Tot im Namen der Bewegung

Am Abend des 16. November wurde Ivan Kostolom Hutorskoy aus Moskau auf dem Weg zu der Wohnung seiner Familie umgebracht. Er bekam zwei Kopfschüsse und verstarb an den schweren Verletzungen noch am Ort. Die Nachricht von seinem Tod verbreitete sich sehr schnell, und so bekamen auch wir diese erschütternde Neuigkeit mit. Nicht schon wieder einer, ging uns durch den Kopf. Fassungslosigkeit und Trauer machte sich breit.

Wir denken, dass wir die Trauer überwinden und die Schuldigen zur Rechenschaft ziehen müssen. Auf den russischen Seiten linker Aktivisten gibt es viele Artikel zu dem Mord an Vanya und den möglichen Mördern. Einen davon fanden wir sehr interessant, da er die Situation in Russland am Beispiel von Ivan überschaubar rekonstruiert. Wir haben den Artikel übersetzt und denken, dass wir jetzt nicht auf Weiteres zu der Tat eingehen werden, da der folgende Artikel der russischen Genossen es tut.

Tod im Namen der Bewegung
http://www.antifa.ru/3449.html

Am 16. November wurde in Moskau einer der Anführer der antifaschistischen Bewegung ermordet – Ivan Kostolom Hutorskoy. Seine Leiche wurde in seinem Haus in der Habarobskoy Straße 2 entdeckt, wo der junge Mann gewohnt hat. Der Killer hat zwei Schüsse in den Kopf des Opfers gefeuert. Noch am selben Platz ist Ivan an den Verletzungen gestorben. Es ist nicht gelungen, den Mörder anhand der heißen Spur zu finden. Das ist schon der zweite Tod in Ivans Familie – erst vor einem halben Jahr musste seine Mutter ihren Mann beerdigen.

Enge Angehörige des Verstorbenen und Blogger nehmen an, dass Ivan aufgrund seiner antifaschistischen Arbeit ermordet wurde. Sollte es so sein, so wäre das bereits der zweite große Mord (nach dem doppelten Mord an Staneslav Markelov und Anastasia Baburova), verübt von Neonazis. Der Name und Adresse von Ivan waren auf Nazi-Seiten veröffentlicht, genauso wie die von den Toten Markelov und Nikolaj Girenko.

Rechtsradikale haben schon dreifach versucht, Ivan zu töten. 2005 wurde ein Video veröffentlicht, welches von dem Sender NTV im Programm „Gewöhlicher Antifaschismus“ ausgestrahlt wurde. Auf dem Band sieht man eine Schlägerei zwischen Antifaschisten und Nazis. Dabei wird Ivan der Kopf mit Rasierklingen aufgeschlitzt. Das zweite Mal wurde Ivan ein Schraubenzieher in den Hals gerammt. Im Januar diesen Jahres ist er beinahe an den Verletzungen gestorben, die ihm Neonazis mit Messerstichen in den Bauch zugefügt haben.

Seinen Spitznamen „Kostolom“ („Knochenbrecher“) bekam der 26-jährige Ivan aufgrund seiner massiven Figur. Er war sportlich, machte Sambo und übte sich im Armdrücken. „Nazis hatten Angst vor ihm. Ivan war ein mutiger und starker Mensch, ein echter Held. Er war immer ruhig und besonnen. Anscheinend haben sie deswegen sich dazu entschieden, zu solchen Maßnahmen zu greifen – eine Schussaffe, denn im fairen Kampf hätten sie ihn nicht besiegen können“, erzählt ein Freund des Verstorbenen, der sich Alexander Jarovoy nennt. Seiner Meinung nach war Hutorskoy ein besonderes Ziel für die Nazis: Er war verantwortlich für den Schutz auf antifaschistischen Veranstaltungen, aber auch auf Konzerten und Meetings. Außerdem hat es sie offensichtlich aufgeregt, dass die vorhergegangenen Mordversuche alle fehlgeschlagen sind.

Die Neonazis dementieren ihre Teilnahme am Mord Ivans. Im Interview „Navoja Regiona“ (Neue Region) Dmitrij Djomyschkin, kündigte der Kopf von „Slavjansiy Sojuz“ (Slawischer Bund) an, dass keine Neonazis sich an „der Sache“ beteiligt hätten. Seiner Meinung nach hätte der immense Druck von den Gesetzeshütern zu diesem Terror geführt. Wenn es so weiter gehe, „fängt der autonome Widerstand an und die Bewegung geht in den Untergrund“. Außerdem denkt er, dass die Verantwortung für den Mord an Ivan Hutosrkoy „der autonome Teil der Nazionalisten oder junge Skinheads“ tragen.

Der Leader von „Bewegung gegen illegale Immigration“ (DPNI) Alexander Belov-Potkin hingegen schreibt die Schuld Spezialeinheiten zu. „Es sieht nach einer Tat der Spezialeinheitenen aus, die versuchen, einen Krieg zwischen Rechten und Antifas hervorzurufen.“ – so ein Zitat von gaseta.ru.

„Dass das Verbrechen von Nazis verübt worden ist, darin besteht für uns kein Zweifel. Eine Schusswaffe wurde auch bei dem Mord an Stas Markelow und Nastja Baburova verwendet. Wir dachten damals auch, dass es Spezialeinheiten des Staates waren, aber wir haben uns getäuscht. Es war schwer vorzustellen, dass sie (die Nazis – Anm.d.V.) solche Waffen besitzen. Filatov wurde einfach von mehreren Männern mit Messern erstochen“, meint Alexander Jarovoy. Zur Erinnerung: es ist bereits der sechste Antifaschist, der in Moskau ermordet wurde. Im April 2006 wurde der 19-jährige Alexander Rjuchin erstochen, der sich mit einem Freund auf dem Weg zu einem Hardcore-Konzert befand. Im Frühling 2008 starb unter ähnlichen Umständen der 16-jährige Alexej Krilov. Im Herbst desselben Jahres wurde einer der wichtigsten Aktivisten, Feodor Felatov, neben seinem Treppenhaus ermordet. Im Januar 2009 wurde der Anwalt Stanislav Markelov, bekannt für sein Engagement in der Verteidigung von Antifaschisten, erschossen. Mit ihm starb die linke Aktivistin und Journalistin Anastasia Baburova.

„Ich denke, dass die Nazis den Mord an Kostolom an den Tag annähern wollten, an dem auch Timur Kacharava (20-jähriger Aktivist aus Petersburg, ermordet von Nazis am 13. November 2005 – Anm.d.V.) gestorben ist. Wahrscheinlich ist es eine drastische Antwort auf die Inhaftierung von Tichonov und Hasis, denn über dieses Ereignis wurde die ganze letzte Woche heftigst debattiert. Man muss auch sagen, dass die Mörder Glück hatten: Vanya hat immer in gemieteten Wohnungen gelebt, er war selten zuhause. Das war ein tragischer Zufall“ – so Alexander Jarovoy. Interessant, wie sich dieser Vorfall auf das Schicksal von Tichonov-Hasis auswirkt: es wäre besser für sie, sie wären nicht schuldig, es wäre besser, wenn auf der Seite der Nazis bereits ein ganzes Netz von Killern aufgebaut ist: mit einbegriffen die Sympathien seitens des Militärs und des Krieges im Kaukasus, so scheint es, als ob es ihnen nicht schwer gefallen ist, die Waffe zu zücken.

Die Reaktionen seitens der Antifas haben nicht lange auf sich warten lassen. Mehr als 300 überzeugte Aktivisten versammelten sich am Dienstag auf der Allee der Metrostation „Zwtnoy Bulvar“, um Spenden für die betroffene Familie zu sammeln. Die Polizei vertrieb die Antifaschisten. Keiner konnte festgehalten werden. Später griffen die Aktivisten überraschend das Büro von „Junges Russland“ (RM). Das Gebäude wurde mit Flaschen, Steinen, Fakeln und Strassenbauzubehör beworfen. Außerdem wurden Autos, die vor dem Büro geparkt waren, beschädigt: die Antifas haben sie für Fahrzeuge der „RuMolovez“ (bezeichnet die Parteiangehörigen von Junges Russland – Anm.d. AJB) gehalten. Die Frage, die aufkommt, ist: Warum greifen Antifas Fahrzeuge der Parteiangehörigen an, die die rechte Ideologie ablehnen? „Das ist lediglich eine der staatlichen Strukturen, die Verbindungen zu Rechtsradikalen hat. Unsere fortwährende Aufgabe ist es, die Rechten dieser Unterstützung zu entledigen. Der Sinn der Aktion war nicht die bloße Zerstörung des Büros von Junges Russland, was unsinnig und einfach irreal wäre, sondern um Aufmerksamkeit auf „Junges Russland“ und „Russkij Obraz“ (Russische Ikone) zu lenken. Deren Mitglieder propagieren ganz offen neonazistischen Terror. So sind z.B. die Mitglieder von „Russkij Obraz“ mit in den Mord an Markelov und Baburova verwickelt. Höchstwahrscheinlich ist Kostolom von den Menschen derselben Gruppierung umgebracht worden.“, erzählt Alexander Jarovoy. Seiner Aussage nach wissen Antifaschisten längst von der Verbindung des Abgeordneten von „Einiges Russland“ und des Vorsitzenden von Junges Russland Maxim Mistschenko mit Ultrarechten. Auf der offiziellen Internetseite der Neonazis ist ein Interview veröffentlicht, indem Mistschenko offen zugibt, den Russkij Obraz zu unterstützen. Hier ein charakteristisches Zitat: „Ich habe ein gutes Verhältnis zum ‚Russkij Obraz‘. In dieser Organisation gibt es viele adäquate Menschen, die bereit sind, effektive Arbeit zu leisten. Ich habe mit ihnen im Rahmen einiger Projekte zusammengearbeitet und werde diese Zusammenarbeit fortsetzen.“ Zudem haben Antifaschisten Informationen, dass die Angehörigen von Junges Russland Neonazis in ihren Reihen haben. „Mit anderen Worten – wir verurteilen Mistschenko wegen politischer Schutznahme von Nazis. Genauso handelte der Abgeordnete Nikolaj Kurianovitsch, der mit Nazis von der SS befreundet ist.“, so Jarovoy.

Nach der Aktion ist es den Rumolevzen gelungen, einen Antifaschisten festzuhalten, der sich an der Aktion beteiligt hat. Maksim Mistschenko, der am Ort des Geschehens ankam, machte Fotos vom Antifaschisten und vom beschädigten Gebäude, die er seitdem auf seinem Blog veröffentlicht hat. In der offiziellen Pressemitteilung versprach die Partei, den Angriff vors Gericht zu bringen. Im Endeffekt bezahlte der Antifaschist eine Geldstrafe von 1000 Rubel.

Die Dichotomie „Antifa vs. Fa“ ist zu einem Trend für die Öffentlichkeit geworden. Einige halten es für eine Wiederholte Auseinandersetzung zwischen jugendlichen Gruppen, andere für eine Erscheinungsform in der bürgerlichen Gesellschaft. So oder so, man darf nicht vergessen, dass diese Bewegung eine Reaktion auf aktive Machenschaften der faschistischen Ideen und die offizielle Unterstützung derer geworden ist.

Die ersten antifaschistischen Gruppierungen bildeten sich bereits in der Mitte der 90er Jahre, aber eine aktive Entwicklung gab es erst seit 2000-x. Für den kämpferischen Teil der Bewegung standen Gruppen wie die S.H.A.R.P., R.A.S.H., Punks, Leute aus der Hardcore- und der StraightEdge-Szene. Was deren Idelogie angeht, so näherte sie sich der radikalen Linken: der anarchistischen, autonomen und sozialistischen. In einer kurzen Zeit ist die Bewegung deutlich gewachsen und die apolitische Jugend nahm die Ideen des Antifaschismus mit der Subkultur auf. Als die Nazis die „Gefahr von links“ erkannten, verfrachteten sie ihren Hass als Antwort darauf auf die Aktivisten. Harmlose Schlägereien, wo das Einsetzen von Handwaffen wenn nicht nötig, als überflüssig oder „aus-der-reihe-tretend“ galt, ist zur Gewohnheit verkommen, wobei die Mörder bereits Schussfeuerwaffen benutzen.Antifaschisten ziehen chancenlos den Kürzeren gegen Nazis, wenn es um körperliche Auseinandersetzungen geht: sie können nicht Schlüsselfiguren der Nazis eliminieren – eines der wichtigsten Prinizipien der Bewegung ist es geworden, keine Morde billigend in Kauf zu nehmen.

Danach ist in der Geschichte eine wichtige Veränderung eingetreten: der Staat hat Leader von beiden Seiten entfernt. Maksim Tesak Marzinkevitch sitzt für mehrere Jahre für nazistische Machenschaften im Club „Bilingva“ hinter Gittern und Alexej „Schkobar“ Olesinov wegen vermeintlichem Hooliganismus. Viele denken, dass es bloß ein taktischer Zug der Regierung ist, die versucht, auf diese Art und Weise die Auseinandersetzungen zu stoppen. Und anscheinend denkt man, es sei gelungen – laute Aufeinandertreffen, bei denen mehrere hundert Opponente sich die Fresse einschlagen , gehören der Vergangenheit an. Aber das von der Polizei angezettelte Vorhaben war bloß die Ruhe vor der Sturm. Während Antifaschisten aktiv traumatisierende Waffen eingekauft haben, übergehend in die Verteidigungsstellung, haben sich die Nazis dazu entschieden, zum politischen Terror zu greifen. Der Mord an Stas Markelov und Nastja Baburova unterschied sich qualitativ von dem bisher Da-gewesenen: der Killer handelte schnell und professionell; benutzte kein Messer oder Baseballschläger, sondern eine Schusswaffe. Der Tod von Ivan Hutorskoy ist die Fortsetzung der terroristischen Akte, die beweisen, dass es in Russland einen neonazistischen Untergrund gibt. Bei letzten Inhaftierungen von faschistischen Banden wurden nicht nur selbst gebastelte Bomben, sondern auch weitere Schusswaffen und Munition gefunden. Gemessen an dem Ausmaß der Kämpfe zwischen Antifas und Nazis, die sich zu einer Art Staßenkrieg entwickeln, müssen die Antifaschisten selbst durch eine harte Probe ihrer eigener Prinzipien durch: ohne zahlenmäßige Überlegenheit, wenden sie sich ab von Schusswaffen. Leider wissen in Russland nicht so viele Menschen um die Prinzipien Ghandis, aber es gibt eine große Tradition politischen Terror-Antiterrors im Bezug auf Bomben und Brandsätze.

Wenn die Nazis sich mit der Zeit radikalisieren werden, dann werden sich höchstwahrscheinlich die Antifas von körperlichen Methoden abwenden und versuchen, ihre Taten zu legalisieren. Früher war in der Antifabewegung eine Unterscheidung zwischen unpolitischen und vielseitigen sozialistischen Jugendlichen. Doch unter Berücksichtigung der gemeinsamen Gefahr werden sie sich unter einer schwarz-roten Fahne vereinen. „Die Rechten versuchen, Polemik anzuwenden. Wir müssen eine Antwort geben. Wenn alles so bleibt, wie es ist, dann werden wir für die Öffentlichkeit ein Häufchen Marginalisierte, einfach eine Jugendgruppe.“, meint Alexander Jarovoy. Antifas werden keine Bündnispartner zwischen den offiziellen parlamentarischen Partien suchen. In jedem Fall müssen wir mit einer ernsten Änderung der antifaschistischen Strukturen rechnen.

Von Alexander Tuschkin

Wenn man im Internet ein bisschen sucht, stoßt man auf den Blog von Maksim Mistschenko. Dabei gibt es ein Video, das wohl kurz nach der Attacke der Antifas auf das Büro von Junges Russland gedreht wurde. http://www.youtube.com/watch?v=CzxIQXDJwnU&feature=player_embedded

Mistschenko erklärt, dass seine Organisation keineswegs an den Morden an Antifaschisten beteiligt sei. Im Gegensatz, sie selbst lehnen angeblich die faschistische Ideologie ab. Da sie nun einen der Attackierer festhalten würden, würde er der Sache auf den Grund gehen und den „Organisator“ der Aktion ausfindig machen wollen. Den „Gefangenen“ sieht man am Ende des Videos und hier: http://rutube.ru/tracks/2622584.html?v=3734eb666c3bdc2908889bc8a14bdc05

Mistschenko versucht herauszufinden, was passiert ist und wird dabei von einem anderen Mann aufgehalten, der sich der Sache bereits angenommen hat.
Fragwürdig ist jedoch, inwiefern Mistschenko die faschistische Idee wirklich ablehnt. Wie die russischen Genossen bereits beschrieben haben, ist er doch alles andere als vom Neonazismus abgetan. Das zeigt nicht nur das Interview, in dem er seine Zuversicht zum Russkij Obraz beteuert, sondern auch jegliche Bilder, auf denen er auf dessen Meetings posiert.

Dabei ist Russkij Obraz nicht nur eine Organisation, die sich gegen MigrantInnen und andere Marginalisierte wendet, sondern, wie oben beschrieben, steckt diese höchstwahrscheinlich in den Ermordungen an Markelov und Baburova mit drin. Die Organisation kollaboriert mit „autonomen“ Nationalisten aus Deutschland. So hat sie z.B. Beziehungen zum „Syndikat-Z“, dem deutschen Ableger des weltweiten faschistischen Netzwerkes „Zentropa“. So warb Syndikat-Z Ende September diesen Jahres für den Film „Russischer Widerstand“, der von den russischen politischen Gefangenen handelt und an dem Russkij Obraz mitgearbeitet hat.

Wer nun also behauptet, Junges Russland, dessen Vorsitzender Mistschenko ist, habe keine Verbindungen zur nazistischen Szene, muss vor der Wahrheit flüchten oder die Augen verschließen. Junges Russland ist eine von vielen Organisationen, die sich die Hände in Unschuld waschen will.

Wir sind über den Mord an Vanya sehr wütend und die Maske, die die Nazis versuchen, sich aufzusetzen, macht unsere Wut noch größer.


Unsere größte Solidarität gilt den FreundInnen und Familie von Vanya.
Kein Vergeben, kein Vergessen!
Heute trauern wir, morgen kämpfen wir weiter!

Antifaschistische Jugend Bochum