Pressemitteilung vom 10.05.: „Harry“ verliert die Kontrolle

Diese Pressemitteilung wurde am 10.05. an diverese lokale und überegionale Medien verschickt. Leider blieb die Reaktion auf diese komplett aus. Die lokale Presse ist auf den Vorfall mal wieder nicht eingegangen, da anscheind kein Polizeibericht zur Verfügung stand den mensch hätte übernehmen können. Wir möchten an dieser Stelle die Pressemitteilung dokumentieren:

„Harry“ verliert die Kontrolle
Erneuter Polizeiübergriff auf Wache überschattet erfolgreichen Anti-NPD-Protest

Am vergangenen Samstag fand in der Bochumer Innenstadt am nördlichen Ende der Kortumstraße ein Wahlkampfstand der NPD statt. Kurze Zeit später eilten einige antifaschistische Jugendliche herbei um der völkischen Hetze der NPD effektiv Einhalt zu gebieten. Von der Bochumer Polizei blieb die spontane Aktion nicht unbeantwortet. Ein Antifaschist (24) wurde in Gewahrsam genommen und später auf der Wache durch den bekannten TV-Polizisten „Harry“ körperlich misshandelt.

Für die NPD Bochum/Wattenscheid war es ein letzter Griff nach dem Strohhalm, als sie sich entschloss am Tag vor den Landtagswahlen in der Bochumer Innenstadt einen Wahlkampfstand aufzubauen. Dies blieb nicht lang unbemerkt, und so wie im letzten Jahr sahen sich die vier NPD-WahlkämpferInnen schon nach einer halben Stunde von einem Dutzend AktivistInnen umringt, die Transparente hochhielten, Flugblätter verteilten und PassantInnen zum Protest aufriefen. „Erfreulicherweise schlossen sich einige PassantInnen dem Protest an und stimmten mit in die Parolenrufe ein“, berichtet einer der Beteiligten.

Wenige Zeit später trafen auch zwei Beamte der Bochumer Polizei auf das Geschehen in der Kortumstraße. Einer der beiden war ThomasWeinkauf, auch bekannt als „Harry“ aus der populären TV-Show „Toto und Harry“. Die Beamten warfen den Protestierenden vor, sie führten eine unangemeldete Versammlung durch und verlangten deshalb die Personalien aller Beteiligten. Sowohl eine Frau, die den NPD-Stand betreute, als auch einer der AntifaschistInnen konnten ihre Personalausweise nicht vorweisen. Die Beamten nahmen den Antifaschisten (24) kurzerhand in Gewahrsam und setzten ihn zu diesem Zweck in den Streifenwagen, während sie sich bei der NPD-Frau mit einer mündlichen Personalienaufnahme begnügten, die dem Antifaschisten zuvor verwehrt worden war. „Der Vorwurf der ‚unangemeldeten Versammlung‘ darf natürlich als absurd zurückgewiesen werden, schließlich nahmen nur engagierte Menschen ihr Recht auf spontanen Protest wahr“, kritisiert Kevin Waschkowitz, Pressesprecher der AJB, die Begründung der Polizei für ihr Vorgehen. „Der Höhepunkt der Absurdität war wohl erreicht, als eine halbe
Hundertschaft der Bereitschaftspolizei augenscheinlich vom Einsatz am Stadion zur Kortumstraße hinzugezogen wurde, die aber schon nach zehn Minuten wieder abrückte.“

Nachdem der besagte Antifaschist etwa eine halbe Stunde im Streifenwagen festgehalten wurde, brachten „Harry“ und sein Kollege ihn schlussendlich zwecks Personalienfeststellung zum Präsidium. „Auf dem Weg zur Wache drohten sie mir schon an, zur Strafe für mein ‚unkooperatives‘ Verhalten einige Zeit in der Gewahrsamszelle verbringen zu müssen“, erklärt der 24-jährige Antifaschist. „Doch welches selbstentblößende Verhalten ‚Harry‘ dann an den Tag legte, hätte ich nicht erwartet“, kommentiert er die erfolgten Misshandlungen durch „Harry“.

Nach der obligatorischen Kontrolle des Tascheninhalts im Verhörraum wurde Harrys Kollege auf das Handy des Festgenommenen aufmerksam, dessen Inhalt er begutachten wollte. Der Antifaschist, der sich um seine Privatsphäre sorgte, stand auf um ihm hinterherzugehen. Doch „Harry“ stürzte sich auf den Festgenommenen und traktierte diesen mit einigen Schlägen ins Gesicht und gegen den Kopf, zog ihn am Kragen und schubste diesen unter den Augen seines Kollegen auf den Flur und schlug ihn erneut. „Als ich zurück in den Raum gebracht wurde setzte ich mich zurück auf den Stuhl und versuchte durchzuatmen, doch ich wurde erneut geschlagen“, erzählt der Geschädigte. Das folgende Prozedere verlief dann wieder in obligatorischen Bahnen: der Geschädigte wurde protokollgemäß dem Polizeigewahrsam übergeben, in welchem er bis zum baldigen Ende des NPD-Stands ausharren musste.

Die Antifaschistische Jugend Bochum verurteilt diesen Akt der gewaltsamen Einschüchterung. Sie ist der Überzeugung, dass die Gewalttat aus einer Missbilligung des antifaschistischen Protests herrührt, der sich an diesem Tag der Kontrolle der Polizei entzog. „Im März vergangenen Jahres, als es massiven spontanen Protest gegen einen NPD-Stand auf der Kortumstraße gab, waren es Jugendliche, die mit Anzeigen eingedeckt wurden, welche später alle fallengelassen wurden“, erinnert Waschkowitz. „Nicht zuletzt die Gewaltorgie gegen TeilnehmerInnen der Sitzblockade am Tag der ProNRW-Mahnwache und die folterartigen Zwangsmaßnahmen gegen einen Festgenommenen am selben Tag zeigen ganz offensichtlich, dass die Polizei sich in einer Gewalt- und Einschüchterungsspirale bewegt.

Laut einer Studie werden in Berlin 97 % aller Anzeigen gegen Polizeibeamte noch vor einem Gerichtsprozess eingestellt. Ob der Geschädigte auf „Harrys“ Übergriffe mit einer Anzeige reagieren wird und welche politischen Schritte die Antifajugend unternehmen will, kann derzeit noch nicht gesagt werden.