10 Jahre nach einem sozialrassistischen Mord
Gedenkdemonstration für Dieter Eich in Berlin-Buch

Am Sonntag, den 23.5.2010, waren wir mit einer kleinen Gruppe der AJB in Berlin-Buch, um auf einer Demonstration an Dieter Eich zu erinnern, der am 20. Mai 2000 von vier betrunkenen Neonazis in seiner Wohnung überfallen, verprügelt und später erstochen wurde.

Wie die spätere Aufklärung dieses Mordes bewies, ließen sich die Täter allein von ihrem Hass auf den „Assi“ leiten, den sie zunächst eigentlich ‚nur‘ „abklatschen“ wollten. Aus Angst vor den rechtlichen Folgen entschieden sie sich, den einzigen Tatzeugen – das Opfer Dieter Eich – zu beseitigen. Sie brachten ihn deshalb kaltblütig um.
Eine pikante Sache an der Geschichte ist, dass es allen voran den damals aktiven AntifaschistInnen und JournalistInnen zu verdanken ist, dass dieser Mord nicht nur als das Resultat einer dumpfen Übergriffigkeit von alkoholgetränkten Angehörigen der ‚Unterschicht‘ abgehandelt wurde. Nur zu gern hätten die Repräsentanten des deutschen Bürgertums die viel weiter reichenden und in gesellschaftlichen Bedingungen wurzelnden Beweggründe für den Mord an einem Sozialhilfeempfänger unter den Teppich gekehrt. Immerhin neigen solche ‚Vorfälle‘ für gewöhnlich dazu, das Ansehen und die Attraktivität einer Stadt – erst recht im ‚geläuterten‘ Deutschland – in den schmutzigen Abgrund der deutschen Wirklichkeit hinabzuziehen. Eine opferfeindliche Praxis ist das, die wir nur zu gut aus unseren eigenen Gefilden kennen, wo die Staatsanwaltschaft im Fall des Mordes an Josef Anton Gera tatsächlich der Meinung war, das offen eingestandene Motiv der Homophobie sei lediglich eine „Schutzbehauptung“ der Täter gewesen.
Neben dieser erkennen wir auch andere Parallelen im Umgang mit den Morden an Eich und Gera (nicht zu vergessen: Thomas Schulz, ermordet: 2005), die in unserem Beitrag zur Broschüre der NEA dargelegt ist.

Die Geschichte des Mordes an Dieter Eich führt uns vor Augen, wie wenig aufgearbeitet die Geschichte des Bochumers Josef Anton Gera eigentlich ist. Wir können bis Weilen immer noch nicht genügend beschreiben, wer er war. Gab es Menschen in seinem Umfeld, die um ihn trauerten? Wie kam es dazu, dass er am Abend, als er fast tot geprügelt wurde, zuvor noch mit seinen Peinigern trank und feierte? Warum wurde er im Krankenhaus augenscheinlich nicht entsprechend seines gesundheitlichen Zustandes behandelt? All dies ist eigentlich nötig um Gera ein würdiges Gedenken am 16.10.2010 in Bochum angedeihen zu lassen.

Die Demonstration am Sonntag, die am 10. Todestag (!) mit etwa 300 TeilnehmerInnen verhältnismäßig viele Menschen in einen nicht gerade zentral gelegenen Stadtteil zog, führte uns in den vielen gehaltenen Redebeiträgen sehr nah vor Augen, „wie das damals war“. Es gab am Rande der Demo kleinere Provokationen von Nazis, auf die die Demonstration aber nur in soweit einging, als dass sie den AnwohnerInnen in Reden erläuterte, was von (solchen) Deutschen zu halten ist.

Schon im Vorfeld und bei der Mobilisierung zur Demo fiel uns auf, wie ernsthaft und tiefgehend die Analyse der gesellschaftlichen und historischen Bedingungen betrieben wurde, in deren Kontext der Mord an Eich zu verorten ist. Schmal ist der Grad zwischen einem ehrlichen und würdevollen antifaschistischen Gedenken, bei dem die tieferliegenden Gründe nicht hintenüber fallen, und andererseits einer bloßen Instrumentalisierung des Opfers zum Zwecke der Agitation. Im ersteren Sinne ist die Demonstration aus unserer Sicht sehr gelungen.
In diesem Sinne bedanken wir uns bei den OrganisatorInnen des Bündnisses Niemand ist Vergessen! für diesen Beitrag.

Mögen Dieter Eich, Josef Anton Gera, Thomas Schulz und all die anderen Opfer faschistischer und rassistischer Gewalt uns immer in Erinnerung bleiben.

Homepage der Gedenk-Kampagne „Niemand ist vergessen“

gesammelte Artikel, Presseberichte, Interviews…

Demo-Bericht der Northeast Antifascists

Fotos von der Demo

Fotogallerie zu Gedenkveranstaltungen 2000-2009