„Know your enemy (and their law)!“ – Interview mit Nuendie und My Terror

Fast vier Monate ist es her, dass 11 Menschen bei Protesten gegen ProNRW in Bochum festgenommen worden sind. Damals wollten die Rechtspopulisten im Rahmen ihres „Aktionswochenendes“ vor der Landtagswahl vor der Islamischen Gemeinde Bochum eine Mahnwache durchführen.

Um Anwalts- und andere Kosten zu decken und um den Betroffenen zu zeigen, dass sie mit der Repression nicht allein gelassen sind, wollen wir am Samstag, den 24. Juli ’10 ein Soli-Konzert veranstalten. Wir konnten drei tolle Bands dafür gewinnen und haben zwei von ihnen befragen können, wie es bei ihnen mit Repression ausschaut und welche Erfahrungen sie gemacht haben und erklären, warum sie sich mit ihrem Beitrag zum Gig solidarisch erklären.

Neben einer Kundgebung in unmittelbarer Nähe gab es an besagtem Tag eine Blockade mit ungefähr 50 Menschen, die die Anfahrt der Rechten verhindern wollten. Als die Pro-Busse ankarrten und die Blockade sich in ihre Richtung bewegte, griff die Polizei die Blockierenden mit Schlagstöcken an. Ihre Köpfe wurden teils auf den nassen Asphalt geschlagen, teils knieten 3 Beamte auf einer Person. 11 Menschen wurden gepackt und zur GeSa gebracht, wo viele (trotz Einspruch) erkennungsdienstlich behandelt worden sind. Das Krasseste war an dem Tag wohl, dass ein Mensch bis zur Ohnmacht auf der Wache gewürgt worden ist, weil er seine Fingerabdrücke nicht abgeben wollte.

Das war für viele AntifaschistInnen ein klares Signal von polizeilicher Willkür und Gewalt. Da sich die bürgerliche Presse nur oberflächlich und – wie so oft – unkritisch mit dem Verhalten der Polizei auseinander gesetzt hat (selbstverständlich haben „die autonomen Randalierer“ wieder die Stadt in Schutt und Asche gelegt), gab es zwei Wochen später am 10. April eine Demonstration u.a. gegen Polizeigewalt, die an der Polizeiwache vorbei ziehen sollte. Sarkastischer und offensichtlicher konnte es nicht mehr sein – direkt vor der Bullenwache wollte die Polizei eine Person aus der Demo herausziehen, wobei es zu Rangeleien und schon wieder zu zwei gewaltvollen Festnahmen kam. Die Message der Polizei war offensichtlich: an einem friedlichen Ablauf der Demonstration war kein Interesse. Provokation und Abfilmen der Demo als Taktik bestätigten das Verhalten vom Ende März als Routine.

Die Festgenommenen vom 10. April erhielten bereits vor einigen Wochen Anklageschriften. () Und nun sind die Leute dran, die sich gegen die Rechtsradikalen von ProNRW engagiert haben: für die Minderjährigen gibt es Vorladungen zur Jugendgerichtshilfe, anderen werden Strafbefehle und Geldzahlungen angedreht, Vorwürfe wie Nötigung, Landfriedensbruch, Aufruf zu Straftaten, Widerstand gegen Polizeibeamte und schere Körperverletzung – von A bis Z ist alles dabei.

Um Anwalts- und andere Kosten zu decken und um den Betroffenen zu zeigen, dass sie mit der Repression nicht allein gelassen sind, wollen wir am Samstag, den 24. Juli ’10 ein Soli-Konzert veranstalten. Wir konnten drei tolle Bands dafür gewinnen und haben zwei von ihnen befragen können, wie es bei ihnen mit Repression ausschaut und welche Erfahrungen sie gemacht haben und erklären, warum sie sich mit ihrem Beitrag zum Gig solidarisch erklären.

Was hat euch bewegt, beim Soli-Konzert zu spielen?


MyTerror:
Bewegt hat uns in erster Linie die Frage der Veranstalter_innen ob wir nicht Bock zu zocken hätten ;) Es ist vor allem ein Soli-Gig,-sehr wichtig und sinnvoll das Anliegen. Da haben wir nicht lange gezögert.


Nuendie:
Wir sind permanent auf der Suche nach Gigs und deshalb spielen wir natürlich auch beim Soli-Konzert. Uns ist aber auch die Wichtigkeit des inhaltlichen Anlasses sehr bewusst und kann ruhig auch als Grund für unseren Einsatz gesehen werden.

Wie und wo nehmt ihr Repression wahr?


Nuendie:
Ständig und überall die Präsenz der Cops wahrzunehmen macht sich vermutlich am stärksten bemerkbar. Allein das Gefühl, ständig kontrolliert werden zu können, bzw. wie schon so oft – tatsächlich Kontrollen unterzogen zu werden… das stinkt! (Zivis sind die Stinkigsten) Ein andere, ganz konkreter Fall: Cops, die auf Festivals wie Bochum Total mit Knarren rumrennen – einem „Sofort-Tot-Mittel“ – sind absolut daneben. Da stellt sich die Frage, wofür eine solche Ausrüstung dienen soll…


MyTerror:
Es ist bei jedem Menschen verschieden wahrnehmbar und vor allem verschieden oft spürbar… Aber sie ist da, die Repression. Die des Staates ist ja immer spürbar, die der Polizei aber.. naja, sobald Mensch diesem Corps-Verein halt begegnet. Als Einzelperson, vor allem wenn du die herrschenden Verhältnisse und die Ungerechtigkeiten nicht schweigend hinnimmst,bist du permanent den Schikanen des Apparats ausgesetzt.

Fast jede_r Aktivis_in kennt Geschmack von Pfefferspray und Reizgas,wie schwer Tonfas und Sandhandschuhe sind,wie Würge- und Fixierungsgriffe sich anfühlen,wo die Schmerzpunkte zu drücken sind,wie die übelste faschistische und sexistische Beleidigungen zu ertragen sind,wie die

Kabelbinder sich in die Haut schneiden, wie zermürbend es eingekesselt oder in Gewahrsam ist oder was es heisst mundtot gemacht zu werden, wenn nach Außen nur Falsch- und Desinformation gelangt!

Welche Erfahrungen habt ihr mit Repression gemacht? Wie geht ihr damit um?


MyTerror:
Als Band mussten wir vor Paar Jahren um den Gig in Essen bangen, weil die berüchtigten Bullen Wuppertals ein Paar von uns nach der Demo/Aktionen in Dortmund nicht abreisen lassen wollten, war schon spektakulär.

Apropos spektakulär: an dieser Stelle zähneknirschende Grüße an die Mächtigen der Stadt Bochum und die Bullenhools von Bochum Total 2002, wo Schröda (der Sänger von MyTerror, Anm.d.Verf.)bei dem Ampelsprung in die Menge, bei Donots-Auftritt, seine letzte bewusste Bochum-Erinnerung hat..Was aber die Wenigsten wissen,er wurde auf der Ampel erst massiv mit Pfefferspray „bearbeitet“,von unten und das minutenlang (bei tausenden (!) Fans drumherum.Nach dem gefeiertem Sprung wurde er von mehreren Bullen an der Bünenabsperrung „zusammengeknotet“,mehrmals gegen Auto geschleudert und gewürgt,in diesem Moment war er praktisch blind mit zugequollenem Gesicht und unregelmäßiger Atmung. Sanitäter wurden lange nicht rangelassen, erst wo viele Leute sich eingesetzt haben und Fotokameras auftauchten, wurde es „erlaubt“. Wochen später wollte die Stadt Bochum von ihm um die 430 Euro kassieren, da die Geschichte aber immer öffentlicher zu drohen schien, weil auch die Donots darüber sprachen (http://www.getaddicted.org/artikel/items/video-interview-donots-bochum-total-unter-hirschen.html), wurde es bisher still .

Nuendie: Ein guter Freund von uns wurde im Polizeigewahrsam bis zur Ohnmacht misshandelt. Sein Fall ist ja auch unter anderem Thema des Soli-Konzerts. Das hat uns unglaublich getroffen, und wir sind echt sauer über den Scheiss!

Was glaubt ihr, kann einem helfen, die Repression durchzustehen bzw. was hat euch dabei geholfen?

Nuendie: Solidarität von Freunden. Es ist wichtig zu wissen, dass man nicht alleine dasteht. Der Gig z.B. ist eine klasse Sache, die hoffentlich Rückhalt liefert.


MyTerror:
Natürlich Freunde, (bei manchen Familie) und Gleichgesinnte an der Seite sind unumgängig. Moralische Unterstützung ist natürlich die wichtigste! Sehr nützlich ist das Wissen um die (zu vermeidende) Repression: wie was warum, was war, was wird und was könnte sein. Know your enemy (and their law)!


Schröda (MyTerror):
Mir persönlich hat Humor, Optimismus und gewisse Bissigkeit bei Repressionen geholfen!

Wir danken euch für das Interview, Leute!

Kommt zum Soli-Konzert mit MyTerror, Jolly Roger und Nuendie! Am Samstag, den 24.07 um 20 Uhr an der Ruhr-Uni Bochum im AusländerInnen-Zentrum. Für Essen und Trinken ist auch gesorgt ;) Eintritt ist 3 Ocken.

Wir sehen uns!