Bochum 1994 – Brand in der Herner Straße 87

eisamIn diesem Artikel geht es um den Brand in einem Mehrfamilienhaus an der Herner Straße 87 in Bochum am 22. Juni 1994 – vor 17 Jahren. Bei diesem Brand kam ein 9 jähriger Junge libanesischer Herkunft, Eisam Chamdin, ums Leben.

In der besagten Nacht waren 40 Menschen im Haus die Hälfte von ihnen waren Kinder. Alle von ihnen waren libanesischer Herkunft, viele AsylbewerberInnen mit einer Aufenthaltsgenehmigung. Wahrscheinlich haben die meisten von ihnen schon geschlafen als sie das Feuer bemerkten. Es brach kurz vor 02:00 im Keller aus. Die BewohnerInnen der unteren Etage konnten sich auf die Straße retten. Den Menschen, die über ihnen wohnten wurde der Flur vom Feuer versperrt. Die Feuerwehr wurde um 01:55 von einem jungen Nachbarn alarmiert, vier Minuten später traf sie am Einsatzort ein. Die Feuerwehrmänner/frauen stellten ein Sprungkissen auf und retteten die Menschen über Dreh- und Steckleitern aus dem Haus. Für die meist schon ohnmächtigen Kinder ist das Sprungkissen die Rettung. Auch die anderen Menschen können aus dem Haus fliehen. Sieben von ihnen, darunter vier Kinder, sind schwer verletzt und werden von NotärztInnen behandelt.

Doch ganz oben, unterm Dach wohnt noch Familie Chamdin. Es sind der Vater und der 9-jährige Eisam anwesend. Sie sind die letzten, die geborgen werden. Eisam Chamdin stirbt auf dem Weg ins Krankenhaus, sein Vater liegt mehrere Tage im Koma. Schon bald wird eine erste kritische Stimme laut. Der Imbissbudenbesitzer ein paar Häuser weiter beschwert sich, dass er die Feuerwehr darauf hingewiesen habe, dass Eisam und sein Vater noch da sind. Andere sagen, dass kein Feuerlöscher im Haus gewesen sei und das die Tür schon seit vielen Tagen ein großes Loch hatte. Beschwerden über die Missstände hätten nichts gebracht.

Die Kriminalpolizei dokumentiert das Haus nach dem Brand. Zwei Tage später gibt es eine erste behördliche Stellungnahme. Die Polizei gibt die Devise: es gäbe keine Spur von vorsätzlicher Brandstiftung. Als Grund hierfür reicht aus, dass kein Brandbeschleuniger festgestellt werden konnte. Es wird nun von fahrlässiger Brandstiftung ausgegangen. Es soll jemand im Keller „gehaust“ haben, wie es Staatsanwalt Kordal später formuliert, welcher die Matratze fahrlässig in Brand gesteckt haben könnte. Auch er unterstützt die These der Polizei. Auch die Redaktion des WAZ Bochum schließt sich der behördlichen Vermutung an und schiebt den Opfern die Schuld in die Schuhe.

Doch gegen die dreisten Darstellung regt sich Widerstand. „Ist die Todesursache die gleiche wie in Solingen und Mölln?“ steht in großem Buchstaben auf einem Transparent, welches auf Eisams Beerdigung erscheint. Auch das „Plenum gegen Rassismus“ erhebt schwere Anschuldigungen. „Wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, dass nur in Richtung fahrlässige Brandstiftung ermittelt wird“, wirft eine Sprecher des Plenums vor. Auch AugenzeugInnen haben gesehen, wie zwei „Glatzen“ das Haus kurz vor 02:00 verließen. Später berichtet auch der Vater von Eisam im Vorfeld des Anschlags zwei Männer im Haus ertappt und von ihnen angegriffen worden zu sein. Doch die Polizei bleibt bei ihrer Vermutung. Schließlich „findet“ sie auch einen „Täter“. Nach drei verhören eines 14-jährigens, der im Haus gewohnt hat gibt dieser zu, dass er im Keller heimlich geraucht hat. Doch nicht nur die Anzahl der Verhöre, sondern auch die Umstände sind äußerst seltsam. Bei jedem der Verhöre musste der Junge alleine mit den BeamtInnen sprechen und er wurde jedes Mal nur gefragt ob er im Keller geraucht habe. Unter diesen Umständen fällt es schwer an die „Wahrheit“ zu glauben. Es kommt eher ein fast offensichtliches Ziel der Behörden zu Ausdruck. Keine „rassistisch motivierten Brände“ aufzuzählen. Ein vergleichbaren Vorfall mit vergleichbarem Erklärung gab es auch am 5. Juni 1995 in Hattingen, als das Haus einer türkischen Familie angezündet wurde. Auch hier ging es den Behörden eher darum, dass Ansehen Deutschlands zu erhalten, als die Täter zu ermitteln. Allein bis Oktober 1993 zählte die „LOTTA – antifaschistische Zeitung aus NRW“ jedoch 26 Brände in NRW mit rassistischem Tatmotiv.

Damals wie Heute gibt es in Deutschland ein verschärftes rassistisches Klima. Allerdings sollte mensch hier differenzieren. In den 90er Jahren hatte der Rassismus meist andere Ursachen. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands gab es ein hohes Potenzial an Nationalismus kombiniert mit Frustration über soziale Einschnitte. Heute prägt sich der Rassismus kulturalistisch aus und ist gezeichnet von dem sogenannten Kampf der Kulturen, der nicht vorhandenen Integrationspolitik der letzten 30 Jahre und einer Schuldverschiebung im Bezug auf die sozialen Einschnitte. Doch auch heute gibt es Fälle und Opfer, wie diese.

Quellen:

WAZ Bochum 23. Juni 1994 – „21 Menschen vom Feuer eingeschlossen“

WAZ Bochum 24. Juni 1994 – „Kripo: Keine Spur für vorsätzliche Brandstiftung“

WAZ Bochum 25. Juni 1994 – „Trauer am Kindersarg auf der Herner Straße“

WAZ Bochum 1. Juli 1994 – „Augenzeugen: Zwei Fremde im Brandhaus“

LOTTA – antifaschistische Zeitung NRW, Dezember 1994 – „Weil nicht sein kann, was nicht sein darf“

LOTTA – antifaschistische Zeitung NRW, Oktober 1993 – „Rassistische Anschläge in NRW“