Am 1. März 2007 veranstalteten Gruppen aus dem antideutschen Spektrum eine Demonstration in Bochum unter dem Motto „Kritik ist eine Waffe“. Das Bochumer Polit-Café Azzoncao und die Antifaschistische Jugend Bochum distanzierten sich in einer Erklärung von dieser Demonstration (Distanzierung). Darauf antworteten die VeranstalterInnen mit einer Erklärung ihrerseits:

„Stellungnahme anlässlich der Auseinandersetzung um die antifaschistische Demonstration am 1. März in Bochum

Die Demo „Kritik ist eine Waffe“, die am 1. März in Bochum stattfinden wird, hat mittlerweile für einigen Wirbel gesorgt.

Neben allerlei erfreulichem Lob und einiger konstruktiver Kritik, kursieren aber auch im Internet Drohungen, die Veranstaltung „militant“ anzugreifen sowie ein „Boykottaufruf“ zweier Gruppen aus Bochum. Da vor allem dieser allerhand haltlose Anschuldigungen enthält, die wir so nicht unkommentiert stehen lassen möchten, werden wir im Folgenden auf einige der genannten „Kritikpunkte“ eingehen.

Da der „Boykottaufruf“ in der vorliegenden Form es bereits von vorherein ausschlägt, für das bessere Argument offen zu sein, möchten wir uns hiermit vor allem an Dritte richten, die die Debatte verfolgt haben und für einige Denkanstöße offen sind.

Den Boykott begründet der Text aus Bochum mit der folgenden Begründung:
„Unsere Gruppen stehen der positiven Bezugnahme auf Nationen und Nationalismus, der in diesem Aufruf zu Tage tritt, mehr als ablehnend gegenüber. Wir billigen in keiner Weise die diffuse Grundannahme dieser Gruppen, welche ‘die JüdInnen’, die AmerikanerInnen, ‘die Deutschen’, etc. zu einem Kollektiv zusammenschrauben will. Dass man sich hier bei der völkischen Ideologie bedient, die man abzulehnen vorgibt, ist mehr als offensichtlich.“

Kritisch nachzufragen gilt es hier, auf welche Stelle im Aufruftext man sich denn damit beziehen möchte. Die Begriffe „Amerikaner“/“Amerikanerinnen“ tauchen im gesamten Text nicht auf.
Im Absatz „Zur Spezifik der deutschen Nation“ werden die ideologischen Besonderheiten des deutschen Nationalismus benannt, historisch hergeleitet und dem (zumindest ursprünglich) staatsbürgerlichen Nationalismus Frankreichs und der USA gegenübergestellt.

Dass „die JüdInnen“, deren Nennung in der Stellungnahme kritisiert wird (warum eigentlich?), von einem Großteil der deutschen NationalistInnen nicht als Deutsche anerkannt wurden, ist eine historische Tatsache, die die These vom spezifisch völkischen Charakter des deutschen Nationalismus weiter bestätigt.
Warum daraus der Vorwurf formuliert wird, der Aufruf selbst, bediene sich einer völkischen Ideologie bleibt unverständlich. Eine Erklärung dieser Anschuldigung wäre erfreulich, wird aber nicht geliefert.

Weiter heißt es im Bochumer Schrieb:
„Besonders die Staaten Frankreich und die U.S.A., die hier explizit als positive nationalistische Bezugspunkte gesetzt werden, haben in ihrer Vergangenheit (Kolonialismus, Sklaverei, Assimilationspolitik, etc. pp.), eindrucksvoll bewiesen, dass auch ohne explizit völkisch-deutsche Ideologie Genozide, Rassismus und Unterdrückung von Minderheiten bzw. vermeintlich minderwertiger Menschen möglich sind. D.h. natürlich nicht, dass die Singularität der Shoah hier in Frage gestellt wird.“

Die offenkundige Alibifunktion des letzten Satzes wird hier nur unzureichend erfüllt.
Die grausame und unbedingt abzulehnende Kolonialisierungspolitik der meisten west- und mitteleuropäischen Staaten zzgl. Japans und der USA folgten grausam einer (früh-)kapitalistisch Zweckmäßigkeit, die wohl keiner näheren Erläuterung bedarf (Rohstoffe, Arbeitskräfte, später auch Absatzmärkte).

Ganz anders die systematische Judenvernichtung in Deutschland: hier geschah die Vernichtung um der Vernichtung Willen. Sie hatte kein rationales ökonomisches Motiv (so wurden die Jüdinnen/Juden nicht einfach enteignet, sondern unter hohem finanziellen und organisatorischen Aufwand bis in den letzten Winkel Europas verfolgt und vernichtet), sie kannte kein Ziel außer der antisemitischen “Endlösung der Judenfrage”.
Anders als durch das militärische Eingreifen von Außen hätte dem kein Ende gesetzt werden können.

Der von Anbeginn im deutschen Nationalismus verankerte Antisemitismus wird im Absatz „Zur Spezifik der deutschen Nation“ erläutert.
Es kann also keinesfalls als Zufall gelten, dass die größte Barbarei der Menschheitsgeschichte (und nichts anderes war die Shoah) in Deutschland von Deutschen initiiert und umgesetzt wurde (und nicht etwa in den USA oder Frankreich). Nichts anderes sagt der Aufruftext.

Weiterhin werden dem Aufruf „positive Bezüge zum Militär und Militarismus“ angekreidet.
Wiederum bleibt offen, welcher Textpassage diese „positive(n) Bezüge“ entnommen wurden. Wenn es im Aufruf zum 1. März heißt „Wir halten fest an der Idee einer besseren Welt, der staaten- und klassenlosen Weltgesellschaft!“.
Dafür ist es jedoch nötig mit jeder Form von Staat und Nation im Allgemeinen und Deutschland im Besonderen radikal zu brechen“ ist es verwunderlich in dieses Statement, das sicherlich auch eine klare Absage an Militär und Militarismus impliziert, das genaue Gegenteil hineinzuinterpretieren.

Wenn zu dem betont wird „in der hier dargebotenen antideutschen Kritik an linker bundesdeutscher Politik der letzten 40 Jahre keine Relevanz“ sehen zu können, bleibt nur zu sagen, dass niemand tatsächlich die gesellschaftliche Irrelevanz linksradikaler und antideutscher Kritik geleugnet hat.
Dies lässt sich leider nicht wegdiskutieren. Die Masse der Lohnabhängigen an den Werkstoren abzuholen ist anderen Fraktionen der radikalen Linken bislang aber offenkundig auch nicht gelungen – verbessert uns wenn wir da falsch liegen.
Eine radikale Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen wird allein durch diese deprimierende Feststellung aber nicht weniger richtig.

Es ist traurig feststellen zu müssen und zu dem auffällig, dass einige Gruppen mit derartigem Eifer das Anliegen der Demo am 1. März und die aufrufenden Gruppen zu diskreditieren versuchen, während man zur Demonstration am 9. Februar in Essen, bei der rund 400 Leute samt dem berüchtigten Initiativ e.V. aus Duisburg, der sich offen mit der islamistischen Hamas solidarisiert, gegen Drogengebrauch und sonstigen Werteverfall demonstriert haben, lieber schweigt.

AntifaschistInnen aus NRW“

Originaltext