Zur Verteidigung eines Kleidungsstückes

Von Gerhard Hanloser

„Coole Kids tragen keine Palästinensertücher“ gibt eine antideutsche Sekte als Parole aus und meint über diese Ästhetisierung von Politik eine so autoritäre wie lifestylegierige Jungszene an sich binden zu können. Doch im Zuge der Demonstrationen gegen den drohenden Irak-Krieg drängt wieder der ein oder andere Schüler auf die Straße, der der antideutschen Fashion-Beratung noch nicht Folge geleistet hat.

Im Berliner Hauptquartier der Wächter über den Anti-Antisemitismus wird solches Tragen des Pali-Tuches sogleich als Solidaritätsbekundung mit den palästinensischen Terrorbanden interpretiert werden, als Beispiel deutsch-arabischer Seelenverwandtschaft, die auf den intendierten Judenmord hinauslaufe.

Die Kefije mag feudalen Hintergrund haben und auch judenhassenden Palästinenser den Kopf verhüllen. Doch die sich in unbewusster Vergangenheitsbewältigung verzehrende antideutsche „Linke“ vergisst, dass das „Palituch“ nun mal Outfit der Radikalen war: ein solches wirkte als Vermummung auf einer militanten Demo in den 80ern freundlicher als die vielbeschriebene Hasskappe und es versprühte – im Gegensatz zu der kalten Motorradhaube, die sich dann ins Werbesortiment postmoderner Modeartikel integrieren ließ – den Charme des Internationalismus.
Zwar drängten schon in den 70er und 80er Jahren viele Palästinenser auf die Selbst-Verstaatlichung, aber für einen nicht unbedeutenden Teil der radikalen Linken verkörperten sie das staatenlose Proletariat par excellence – nicht nur für die bundesrepublikanischen Autonomen auch für poststrukturalistische Denker wie Deleuze und Guatteri. Auf Grund ihrer Existenz in Flüchtlingslagern standen die Palästinenser für das „nackte Leben“ (Agamben) und wer sich in das Palituch schmiss, wollte Solidarität mit den staatenlosen Völkern üben, sich wahrscheinlich auch mit ihnen und ihren Kämpfen identifizieren – eine Tatsache über die man heutzutage im Zeitalter der Gleichgültigkeit sich mokieren möchte… andere Zeiten, andere Ideologien.

Nun ist selbst ehemaligen Trägern dieses Symbols die Schülerin mit dem altbekannten Behänge fremd geworden, doch weniger, weil in ihr eine verkappte Antisemitin oder zumindest eine bornierte Freundin der nationalen Befreiung zu erblicken ist. Dem Betrachter selbst ist die nicht-metropolitane Ästhetik fremd geworden. Das Tuch ist anachronistisch und verstört den Betrachter, der schließlich mit der Zeit gehen will. Diesen symbolhaften Versuch, einen fremden Sex-Appeal aufzunehmen und sich zu eigen zu machen, dem der Schriftsteller Jean Genet bei den Fedajin so sentimental verfallen ist, kann er nicht mehr verstehen. Das Palituch ist nach Bloch eine Ungleichzeitigkeit und nach Walter Benjamin ein Zitat, das partisanenhaft in den drögen Jetzt-Zustand einbricht, von einer anderen Zeit, gar einer Zeit des Kampfes und der Staatenlosigkeit erzählt. Und Arafat…? Ach je, wäre Arafat Staatsmann, er würde einen Hut tragen, genau wie die Bolschewiki die Mützen gegen die Hüte umtauschten als sie Staatsmänner wurden.

Was trägt der und die Antideutsche? Man mag es nicht glauben, aber mit der US-Fahne bedruckte Kleidungsstücke finden sich tatsächlich neben ca ira-Büchern als Devotionalien in dieser Szene. Dabei ist es nur ein Treppenwitz, dass diesem Abfeiern der US-Kulturindustrie gerade die beiden Autoritäten der Antideutschen absolut kein Verständnis hätten entgegenbringen können. In Adorno und Horkheimers beißende Kritik des Spätkapitalismus mischte sich nicht selten das großbürgerliche Ressentiment. So verzweifelten die Frankfurter Exilanten in Los Angeles angesichts der amerikanischen Kulturindustrie, die antideutsche Adorno-Liebhaber am Anfang des 21.Jahrhunderts für sich entdeckt haben.

Die US-Fliegerjacke scheint ein klassenneutrales Kleidungsstück zu sein, doch es sind heutzutage gerade die Proles, die im Amerika-Outfit herumspazieren. In der Wahl der Kleidung spiegelt sich die Spaltung von Revolt-Bewegung und Arbeiterklasse wider. Der Aggressivität und Angriff symbolisierende Adler, die wehenden Stars-and-Stripes – wer mit diesen Aufdrucken auf Jacke und Pullover herumspaziert, kommt meist nicht aus den höheren Schichten. Ganz im Gegensatz dazu kommen die demonstrierenden Palituch-Kids meist aus gutbürgerlichen Elternhäusern, von denen sie sich abzusetzen trachten. Bei ihnen ist es unbewusste Selbstproletarisierung unter internationalistischem Vorzeichen.

Bei den Amijacken-Kids wirkt die Identifizierung mit dem mächtigsten Nationalstaat der Erde: die Ami-Fahne als Ich-Verstärker. Wenn in einer Welt des Chaos und des Kampfes aller gegen alle die USA mit purer Waffengewalt ihre Hegemonie behaupten und sich über die Marktmechanismen hinwegsetzen können, bei denen man eh nur den Kürzeren ziehen kann, dann hat der autoritäre Charakter seinen Bündnispartner gefunden, dem er auch äußerlich Tribut zollen will. Dieser Prozess ist tragisch, denn die Identifikation mit dem vermeintlich Starken ist Ergebnis des permanenten Scheiterns des Aufstandes proletarisierter Armer.

Die antideutschen „Linken“ sind keine Proles, auch wenn sie sich der gleichen Ästhetik bedienen. Das macht ihre US-Identifikation noch viel schlimmer. Als universitär gebildete und gleichsam verhinderte Elite spiegelt sich darin eine aggressive Selbstverlumpung wider: der Individualismus preisende Antideutsche mit Amifähnchen am Revers will damit signalisieren, dass er reif ist für das Bündnis aus Mob und Elite, dass heutzutage vom amerikanischen „Empire“ Vernunft sei Dank nur unzureichend verkörpert wird, wie die dortigen Anti-Kriegsdemonstrationen zeigen.

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