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Gegen Homophobie, soziale Ausgrenzung und rechte Gewalt

– ausführlicher Aufruf -

Wie bereits in den vergangenen beiden Jahren rufen wir auch im Jahr 2010 wieder dazu auf, um Josef Anton Gera und allen anderen Opfern rechter Gewalt zu gedenken. Gera wurde 1997 auf dem Bochumer Kruppgelände aufgrund seiner Homosexualität von zwei Rechtsradikalen ermordet. Wir möchten uns im Rahmen dieses Gedenkens mit dem Fall Gera, der Leugnung des Tatmotivs, aber auch mit verschiedenen Formen von Ausgrenzung, Diskriminierung und rechter Gewalt auseinandersetzen. Wie jedes Jahr werden wir auch 2010 die Homophobie, die zum gewaltsamen Tod von Josef Gera führte, thematisieren. Zusätzlich wollen wir uns in diesem Jahr mit der Diskriminierung und Gewalt gegen Wohnungslose und sozial Ausgregrenzte auseinandersetzen.
Dies gerade auch deshalb, weil in letzter Zeit immer häufiger von gewalttätigen Übergriffen gegenüber deklassierten Menschen zu lesen ist (siehe Kamp-Lintfort), und unserer Meinung nach auf sehr weit verbreitete ideologische Ressentiments begründet ist, die nicht zuletzt immer wieder von der Politik angefeuert werden.

Josef Anton Gera – ein Opfer rechter und homophober Gewalt

Der 59jährige Frührentner Josef Anton Gera bewegte sich im Umfeld von Wohnungslosen, hatte aber einen festen Wohnsitz. Am 14. Oktober 1997 feierte Gera mit seinen späteren Mördern und anderen Personen aus der Bochumer Wohnungslosen-Szene in einer leerstehenden Hütte auf dem Kruppgelände, in der sich die Mörder des öfteren aufhielten. Sie hatten die Hütte mit Hakenkreuzen und SS-Runen bemalt und machten auch während des besagten Abends immer wieder Hitlergrüße. Im Laufe des Abends kam es zu sexuellen Annäherungsversuchen Geras gegenüber den beiden Tätern. Daraufhin schlugen diese mit Eisenrohren auf ihn ein. Gera erlitt Rippenserienbrüche, verletzte sich einen Lungenflügel und erlitt einen Milz- und Leberriss. Er konnte sich gerade noch zur Alleestraße schleppen, wo er von Passanten gefunden und ins Elisabeth-Hospital gebracht wurde. Am 17. Oktober starb Josef Gera an seinen Verletzungen. Zahlreiche seiner Verletzungen wurden erst bei der Obduktion festgestellt, was die Frage nach der Behandlung von als Angehörige von Randgruppen wahrgenommenen Menschen in Krankenhäusern zumindest aufwirft.
Die Täter prahlten am Tag nach der Tat gegenüber ihren Familienangehörigen damit, dass sie es „einem Schwulen gezeigt“ hätten. Dies unterstrichen sie mit einem Hitlergruß. Dennoch leugneten Staatsanwaltschaft und Polizei das Mordmotiv beharrlich. Der zuständige Staatsanwalt Justinsky bezeichnete das Eingeständnis des homophoben Motivs der Täter als „Schutzbehauptung“ und meinte, es würde sich um eine Exzesstat handeln, bei der „Alkohol und eine Menge Frustration“ eine Rolle gespielt hätten. Interessant ist in diesem Kontext natürlich, wo das Schützende in dieser Behauptung liegen soll. Ist es etwa weniger schlimm, einen Menschen zu töten, wenn einem die Homophobie eine „Legitimation“ bietet?
Was sich in Bochum abgespielt hat, ist eindeutig: Justiz und Bullen wollten einfach nicht zugeben, dass es hier rechte Gewalt gibt. Wie in den meisten Fällen von Nazimorden wurde versucht, diese zu unpolitischen Einzelfällen umzudeuten. An eine Gedenktafel für Josef Gera als Opfer rechter Gewalt ist natürlich gar nicht erst zu denken. Diesem Versuch und der damit einhergehenden Verhöhnung des Opfers setzen wir auch heute noch unser öffentliches Gedenken an Josef Anton Gera entgegen.

Bürgerliches Standardprogramm: Homophobie

Wir haben in den vergangenen Jahren verstärkt darauf hingewiesen, dass Homophobie ein internationales Problem ist. Von den Naziangriffen auf Christopher-Street-Day-Paraden in Osteuropa, über den Amoklauf in einem schwullesbischen Jugendzentrum in Tel Aviv, bis hin zur staatlichen Ermordung Homosexueller im Iran, gibt es international leider mehr als genug Anlässe anzunehmen, dass der Kampf gegen die Homophobie noch sehr lange andauern könnte. Selbst in der BRD musste er lange und erbittert geführt werden, um zumindest eine gewisse rechtliche Ankerkennung zu erreichen. Erst 1994 wurde der § 175 vollkommen aufgehoben, der Homosexualität unter Männern unter Strafe stellte. Die staatliche Verfolgung von Homosexuellen stellte eine Kontinuität vom Nationalsozialismus in die BRD (und auch in die DDR) dar. Heutzutage sind einige schwule (interessanterweise kaum lesbische) Spitzenpolitiker und Prominente geoutet und dies ohne größere Probleme. Homosexualität gilt in der Medienöffentlichkeit als akzeptiert. Dies ist im Alltag freilich nicht so. Sich als homosexuelle/r Jugendliche/r zu outen, ist immer mit der Angst verbunden, sozial ausgegrenzt, oder sogar körperlich angegangen zu werden. Eine repräsentative Umfrage von 2002 besagt, dass 61 % der deutschen Jugendlichen Homosexualität ablehnend gegenüberstehen. Ein Coming Out ohne Diskriminierung stellt quasi eine Unmöglichkeit dar. Dies schlägt sich auch in der Selbstmordrate von homosexuellen Jugendlichen nieder, die vier mal höher ist als die von gleichaltrigen Heterosexuellen. In bestimmten männerdominierten Bereichen der Gesellschaft, wie zum Beispiel im Herrenfußball, ist es immer noch vollkommen unmöglich sich zu outen. Homophobie wird hier nicht einmal als gewünschte (?) Form der Diskriminierung wahrgenommen oder kritisch diskutiert (wie z.B. Rassismus), sondern ist einfach Standardprogramm. Gerade in den kleinen Fußballvereinen würde ein Coming Out zu Ausschluss und Gewalttaten führen. Aber auch die Stimmung in den Fankurven der Bundesliga ist so, dass sich bisher kein einziger schwuler Profi während seiner Laufbahn geoutet hat. Zwar gibt es derzeit Bemühungen des DFB dieses Klima zu ändern, allerdings raten viele anerkannte Persönlichkeiten aus dem Profi-Fußball Spielern öffentlich davon ab, sich zu outen, um nicht ihre Karriere zu gefährden.
Zwar ist es möglich sich durch eine gesellschaftliche Bewegung rechtliche Anerkennung zu erkämpfen, allerdings ist Homophobie durch die Struktur der bürgerlichen Gesellschaft verursacht. Die Aufteilung der Reproduktionsarbeit (Kindererziehung, Haushalt, etc…) an die Frauen und die Besetzung der ökonomischen und öffentlichen Sphäre durch die Männer, hat nicht nur ein schon seit Jahrhunderten existierendes patriarchales Herrschaftsverhältnis (immer wieder) hervorgebracht, sondern ein eindeutiges Mann-Frau-Schema generiert, dass seit der Durchkapitalisierung der westlichen Gesellschaften eine unglaubliche Dynamik gewonnen hat. Während es in den vormodernen Gesellschaften im Westen und auch im nahen Osten durchaus akzeptierte Formen von Homosexualität gab, bedeutete das 20. Jahrhundert für Homosexuelle in vielen Ländern des Westens staatliche Verfolgung, bis hin zur systematischen Ermordung im Nationalsozialismus. Während in den westlichen Ländern soziale Bewegungen (mal mehr, mal weniger) Rechte und Freiheiten erkämpft haben, werden noch heute in vielen islamischen Ländern Homosexuelle staatlicherseits ermordet. Dies hängt weniger mit einer angeblichen „Rückständigkeit des Orients“ oder dem besonders „faschistoiden Charakter des Islam“ zusammen, wie uns einige Bürgerliche und sich als Rechtspopulisten bezeichnende Nazis klarmachen wollen. Vielmehr ist die Homophobie, wie viele andere moderne Ausgrenzungsmechanismen, ein Westimport aus dem 19. und 20. Jahrhundert und hat sich mit dem vom Westen geförderten Aufstieg islamistischer Kräfte in vielen Ländern erst derartig gesellschaftlich durchgesetzt, wie sie es heute ist. Dazu kommt, dass es für soziale Bewegungen, die für Emanzipation und Gleichberechtigung eintreten wesentlich leichter ist, Erfolge zu erzielen, wenn sie ihre Kämpfe in Ländern führen, die relativen Wohlstand und politische Stabilität bieten (und diese mit Waffengewalt nach außen hin verteidigen). Gerade in Ländern, in denen der westliche Imperialismus permanent Regimewechsel herbeiführt, autoritäre Diktaturen stützt, oder zusammen mit reaktionären Warlords einen „Krieg gegen den Terror“ führt (Iran, Saudi-Arabien, Afghanistan usw.) haben emanzipatorische Bewegungen wesentlich schwierigere Rahmenbedingungen. Dennoch bleibt die Hoffnung auf Erfolge derartiger Bewegungen auch in solchen Ländern. Homophobie als durchgehendes Gewalt- und Unterdrückungsverhältnis auf vielen anderen Ebenen zu besiegen, würde allerdings vorraussetzen, auch die modernen Gender-Rollen, das Patriarchat und dessen Grundlage, die bürgerliche Gesellschaft, zu überwinden.

Josef Anton Gera – (k)ein ‚typisches‘ Opfer Rechter Gewalt?

In den letzten Jahren kamen einige Menschen – AntifaschistInnen und Linke – auf uns zu und warfen die Frage auf, welchen Sinn es habe, einem Menschen zu gedenken, der offensichtlich zunächst kein Problem damit hatte, mit seinen späteren Peinigern zu feiern und zu trinken, bevor sie in einem hasserfüllten Exzess mit Eisenstangen auf ihn einschlugen. Und überhaupt, er muss doch gewusst haben, dass es sich bei seinen „Saufkumpanen“ um Neonazis handelte, weil sie ja ihre behilfsmäßige Unterkunft auf dem alten Kruppgelände mit nationalsozialistischen Symbolen verziert hatten. Ist Josef Anton Gera also bewusst ins „Verderben“ gelaufen, als er mit den Schwulenfeinden fraternisierte? Mit welchem „Recht“ kann Josef Anton Gera dann überhaupt in der Liste der Todesopfer rechter Gewalt geführt werden? Welchen Grund kann es dann noch geben, sein Andenken mit einer jährlichen Demonstration zu würdigen? Wir meinen, dass viele Gründe hierfür sprechen! Auch wenn die Täter-Opfer-Konstellation „untypisch“ für rechte Gewalttaten ist, ist der neonazistische und homophobe Charakter der Tat auch dann nicht zu leugnen!
Welche Motivation Josef Anton Gera für seinen Umtrunk mit Neonazis hatte, darüber können wir heute leider nur noch spekulieren. Soweit wir wissen hatte er keine Verwandten, die im Nachhinein seinen selbstgefährdenden Umgang mit homophoben Gewalttätern hätten erklären oder verhindern können. Wir sehen verschiedene Gründe für die Annahme, dass Gera ein einsamer Mensch gewesen sein muss. Er lebte allein als Frührentner in seiner Wohnung und dürfte wenig Kontakt zu seinen früheren ArbeitskollegInnen gehabt haben – wahrscheinlich gingen sie im Unterschied zu Gera noch einem geregelten Arbeitsverhältnis nach. Für einen Mann in seinem Alter war (und ist) es gewiss schwierig, (gleichgeschlechtliche) sexuelle Kontakte zu finden. Und einsam und vereinzelt, wie er wohl war, rutschte er in eine Gesellschaft von Ausgegrenzten, in der es einem leicht fällt, den eigenen Lebensfrust in Alkohol zu ertränken. Wählerisch zu sein lag ihm augenscheinlich fern, und so zog er die Trinkbrüderschaft selbst mit Neonazis dem Alleinsein vor, die ihm vielleicht sympathisch und sogar sexuell attraktiv erschienen.
Für uns ist es platt und undifferenziert, Josef Anton Gera eine wie auch immer geartete „Mitverantwortung“ für sein Leiden und seinen Tod zu unterstellen, weil er mit Neonazis gefeiert hat. Ganz im Gegenteil: eine solche Bewertung grenzt an Täterschutz und Verharmlosung des Tatmotivs. Dieser Widerspruch zeigt im Grunde nur auf, wie weit Menschen gehen um ihrer Vereinzelung zu ent-gehen. Josef Anton Gera ist dem mörderischen homophoben Hass von Rechtsradikalen (und höchstens noch seiner gesellschaftlich bedingten sozialen Isolation) zum Opfer gefallen und nicht seiner „Naivität“!
Wie wir von GenossInnen hörten, die damals vom Mord an Gera in der Zeitung lasen, ist auch die Vorstellung sehr irritierend gewesen, dass es sich bei den geständigen Neonazis um Obdachlose handelte, Angehörige einer deklassierte Minderheit also, die im Nationalsozialismus selber während der Aktion „Arbeitsscheu Reich“ in Konzentrationslager deportiert worden wären. Die einzige Erklärung für diesen Widerspruch konnte nur sein, dass eine Biographie, wie die der Täter, nicht dazu reichte, ein Bewusstsein über die sozialen Ursachen der eigenen Ausgrenzung hervorzubringen. Schlimmer noch, ihr Autoritäter Charakter befähigte sie dazu, über das Leben eines anderen Ausgegrenzten zu entscheiden. Dies kann als Beispiel dafür angesehen werden, wie verwoben die verschiedenen Herschafts- und Ausgrenzungsmechanismen untereinander sind. Menschen, die von einem Unterdrückungsverhältnis (z.B. Klassismus) können zu TäterInnen in einem anderen werden.
Diese Erkenntnis ist unter Linken heute sehr geläufig und nährt einerseits die gesunde Skepsis bezüglich einer „uneingeschränkten Solidarität“ mit z.B. den Obdachlosen gegen kapitalistische Vertreibungspolitik. Schlimmstenfalls kann sie aber auch als billige Entschuldigung benutzt werden, sich von Obdachlosen (und anderen sozial Ausgegrenzten) im Allgemeinen zu distanzieren oder sie pauschal als „Tätergruppe“ zu diffamieren, die mal selbst zusehen soll, wie sie im Kapitalismus „zu Potte kommt“. Eine solche Einstellung halten wir für fatal, denn sie wendet sich ab von individuellen Nöten, Bedürfnissen (und auch Widersprüchen), die zwar im Kern auf gesellschaftliche Ursachen zurückzuführen wären, für die im Umkehrschluss die Obdachlosen aber aufgrund ihres fehlenden Bewusstseins für „das Ganze“ selbst verantwortlich sein sollen. Solche Tendenzen sind für uns ein Grund mehr, an diejenigen zu erinnern, die einen großen Teil der Opfer rechter Gewalt in den vergangen 20 Jahren ausmachen und darüberhinaus diejenige Politik zu kritisieren, zu deren Vollstreckern auch immer wieder Neonazis zählen.

Der „Krieg gegen die Penner“ – eine gesellschaftliche Normalität

„Das Gesetz in seiner erhabenen Gerechtigkeit verbietet es den Reichen in gleicher Weise wie den Armen unter einer Brücke zu schlafen“ Die rechtliche Diskriminierung von Wohnungslosen, die Anatole France bereits 1894 entdeckte, ist in unserer Gesellschaft alltäglich. Wenn man durch die Stadt geht, sieht man den ein oder anderen „asozialen Penner“, der zwar wegen seiner miserablen Lebensverhältnisse doch ein Stück weit bemitleidet wird, der aber selbst Schuld an seinem Elend habe, da er wahrscheinlich ein Trinker oder ungebildet sei. Die Vorurteile gegen Wohnungslose sind in vielerlei Weise verfestigt und die Gewalt, die diese Menschen täglich sowohl von staatlicher, als auch gesellschaftlicher Seite erfahren, ist erschreckend. Und im Grunde unterscheiden sich diese Gewaltformen kaum voneinander. Für Gewalt gegen sozial Ausgegrenzte gibt es zahlreiche Beispiele. Zum Beispiel der Tod von Dieter Eich im Jahr 2000 in Berlin. Dort prahlten seine Mörder, welche Nazis waren, nach seiner Ermordung damit, dass sie einen „Assi geklatscht“ hätten. Doch auch aus der bürgerlichen Mitte geht solch eine Diskriminierung gegen Wohnungslose hevor. Am 23.5.2010 wurde der Wohnungslose Klaus B. in Kamp-Lintfort von zwei Jugendlichen ermordet.1 Diese besuchten mit zwei Freunden den stadtbekannten Wohnungslosen an seinem Auto, in welchem er lebte. Dort pöbelten sie ihn an und demolierten sein Auto, bis dieser aus seinem Wagen stieg. Daraufhin wurde er von den beiden Jugendlichen so heftig attackiert, dass er an den Folgen starb. Die Jugendlichen gaben als Begründung für ihre Tat „Langeweile“ an und versuchten damit, ihre Tat zu legitimieren. Obwohl diese Taten schon erschreckend genug sind, lassen sich die verachtenden Gründe auch in weiteren Beispielen darstellen. Im Jahr 2007 filmten sich zwei Jugendliche in Köln dabei, wie sie mehrere Wohnungslose mit Urin übergossen und mit Tritten attackierten. Beide waren deutlich auf den Videos zu erkennen und stellten diese online auf YouTube.com. Durch einen anonymen Tipp fasste die Polizei die Täter. In ihren Videos sprachen sie davon, dass sie den „Krieg gegen die Penner“ gewinnen würden. Auch in Bochum gab es derartige Vorfälle. 2005 wurde einer Wohnungslosen Frau von einem Hausmeister angedroht, sie anzuzünden, wenn sie weiterhin im Treppenhaus des RuhrCongress nächtigen würde.2 Im Dezember 2008 ist ein schlafender Wohnungsloser mit Brandbeschleuniger übergossen worden, der nur knapp den emporgeschossenen Flammen entging. Die Polizei, die diesen versuchten Mord totschwieg, ermittelte laut unseren Informationen damals auch im rechtsradikalen Millieu.
Seit dem Mauerfall 1990, auf den eine Reihe von rechten Gewalttaten gegen Migranten/innen bbfolgte, gab es auch massive Gewaltbereitschaft gegen Wohnungslose. Im Zeitraum zwischen 1990 und 2008 erfolgten 26 ideologisch motivierte Morde an Wohnungslosen, die die Regierung zugibt. Dabei gilt es zu erwähnen, dass die Bundesregierung nur knapp ein Drittel von den Morden als ideologisch motiviert einräumt, die z.B. von der Amadeu-Antonio-Stiftung gezählt wurden.

Dann stellt sich natürlich die Frage, wie dieser Hass gegen Wohnungslose zustande kommt, da doch ein großer Teil der Bevölkerung scheinbar Mitleid mit diesen vorgibt. Wir leben in einer leistungsorientierten Gesellschaft. Das heißt, dass wir als Mensch in unserer Gesellschaft nur so viel Wert sind, wie wir produzieren. Arbeit stellt vollkommen losgelöst von ihrem konkreten Inhalt einen moralischen Wert dar. Wer arbeitet, gilt nicht als faul und liegt „dem Staat nicht auf der Tasche“. Genauso wie die repressiven Hartz-Gesetze könnte man sagen, dass die Gewalt gegen Wohnungslose einen militanten Versuch zur Stabilisierung des in die Krise geratenen Leistungsprinzips darstellt. Ob nun ideologisierte Nazis, oder gewaltgeile „Normalos“, die ihren Hass gegen vermeintlich schwächere, wertlosere Menschen richten, auf Wohnungslose einprügeln, macht hierbei keinen großen Unterschied. So sieht es auch der Bielefelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer:

„Ökonomistischen Bewertungskriterien können neben den Langzeitarbeitslosen weitere Gruppen zum Opfer fallen, die nur einen geringen oder gar keinen Beitrag zur Effizienzsteigerung der Marktgesellschaft beitragen. Letzteres gilt insbesondere für jene Personen, die in der Sozialhierarchie noch unter den Langzeitarbeitslosen stehen und deren Arbeitsmoral als noch geringer geschätzt wird: die Obdachlosen.“

Die Gewalt gegen Wohnungslose geht aus der Ideologie des Leistungsprinzips, einer Ideologie der bürgerlichen Mitte, hervor. Zusammen mit der Polizei und dem Ordnungsamt bilden diese Täter in dieser Hinsicht den militanten Arm der bürgelichen Gesellschaft. Den „Krieg“, den die Kölner Jugendlichen gegen die „Penner“ führen, führte Bundesinnenmnister Kanther schon 1987. „Die Verteidigung der öffentlichen Ordnung gegen Pennertum, Bettelei und Milieus der Unordnung“ sei die oberste Priorität. Diesen Ansprüchen Kanthers ist nun genüge getan, vor allem durch die Einführung der repressiven „Aktion Sicherheitsnetz“. Diese bestimmt, dass Polizisten und private Sicherheitsfirmen verdachtsunabhängige Personenkontrollen von Wohnungslosen und die Vertreibung aus der Innenstadt und Bahnhöfen von Wohnungslosen durchführen. Dadurch soll ein sauberes Bild der Innenstadt, also theoretisch der deutsche Ordnungswahn, durchgesetzt werden. Damit wird auch dem Wunsch von 35 % der Bevölkerung (Umfrage von 2005) entsprochen, die Wohnungslose aus den Innenstädten vertrieben sehen wollen. Die soziale Ausgrenzung und die Armut fordern letztlich mehr Todesopfer als die direkte körperliche Gewalt. Von 1991 bis 2004 sind 189 Wohnungslose in der BRD erfroren.

All diese Formen von Ausgrenzung und Unterdrückung, die oftmals ihre Ursache in den gesellschaftlichen Verhältnissen finden, sind vehement zu bekämpfen. Bereits in der verbalen Ausgrenzung von Menschen liegt ein Gewaltverhältnis, dass einer gerechten und emanzipierten Gesellschaftsordnung kompromisslos entgegen steht. Die Zuspitzung dieser Gewaltverhältnisse sind körperliche Übergriffe und Morde, wie im Fall Josef Geras. Dass die Institutionen der bürgerlichen Gesellschaft oftmals nicht mit dieser Gewalt klarkommen, sie am liebsten gar nicht wahrhaben möchten, hat sich eindrucksvoll gezeigt. Wir setzen dieser Politik des Verdrängens beispielhaft die Forderung nach einer Gedenktafel für Josef Gera entgegen! Lasst uns auch dieses Jahr wieder gemeinsam an Josef Anton Gera gedenken und die Hintergründe seiner Ermordung aufzeigen. Er bleibt für uns unvergessen und wir werden uns dafür einsetzen zu einer antifaschistischen Jugendkultur in Bochum beizutragen, die ein solidarisches und emanzipiertes Klima schafft. Die Ausbreitung von Ausgrenzung, Diskriminierung und Gewaltverhältnissen werden wir mit allen gebotenen Mitteln bekämpfen.

Kommt zur Demo!

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