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Dem Aufruf folgten am Montagabend etwa 40 AntifaschistInnen und so konnte vor Sonnenuntergang mit einigen Reden und angezündeten Kerzen (und einem massiven Polizeiaufgebot, dass sich dankenswerterweise zurückhielt) ein würdiges Gedenken begangen werden. Wir haben nicht schlecht gestaunt, als wir gegen 18 Uhr am Ort unserer Kundgebung eintrafen. Eine gut einzusehende Backsteinmauer am Zugang zum Westpark ziert nun eine Metallplatte zur Erinnerung an Josef Anton Gera, der vor 14 Jahren in der westlichen Innenstadt von zwei Nazis ermordet wurde.

Viel hat sich an diesem Ort getan seit dieser Zeit. Das ehemalige Gelände der Bochumer Krupp-Werke, dass vor einigen Jahren als Parkanlage wiedereröffnet wurde, grenzt direkt an ein großes umzäuntes Gelände, auf welchem viele weitere Werkshallen dem Verfall überlassen werden. Noch heute wird diese „Leerstelle“ in der westlichen Innenstadt von Menschen (Graffiti-Künstlern, Obdachlosen, mutigen Sparziergängern, usw.) genutzt. Eine der Baracken diente dem damaligen Bekanntenkreis von Josef Gera als Behausung.

Am Abend des 14. Oktober 1997 traf sich Gera mit den zwei Wohnungslosen Uwe K. und Patrick K. und anderen genau dort, um mit ihnen zu feiern. Später an diesem Abend brach ihre Wut über Gera in Form eines mit einem Stuhlbein verlängerten Stahlrohrs ein, weil dieser es laut Aussage der Beiden gewagt hatte, sich ihnen sexuell zu nähern. Wir sehen darin einen eindeutigen homophoben Reflex, der dazu führte, dass Gera mit schweren inneren Verletzungen drei Tage später im Krankenhaus verstarb. Keine Schuldgefühle, sondern mit Stolz berichtete der ehemalige Bundeswehrsoldat Patrick K. seinen Familienangehörigen davon. Für uns ist es schlicht unverständlich, dass der damals Anklage führende Staatsanwalt Justinsky diese ekelhafte Einstellung als Motiv vor Gericht nicht zur Geltung bringen wollte und stattdessen auf „eine Menge Alkohol und Frustration“ verwies. Wollte er auf diese seltsame Art etwa den Stolz der beiden Mörder unterlaufen, ihren Hass gegen Homosexuelle bagatellisieren?

Zwangsläufig erreichte er zumindest Letzteres. Und das war einer der entscheidenden Gründe, warum wir vor ein paar Jahren angefangen haben, zu Geras Todestag Demonstrationen durchzuführen. Uns berührt nicht nur, dass der homophobe Hass und faschistische Einstellungen noch immer soviele Todesopfer fordern, sondern es nervt noch gewaltiger, dass die moralische Hoheit der Justiz in Form abstruser Erklärungen solche Taten immer wieder vertuscht und verharmlost. Gegen diesen Starrsinn boten wir in unseren Forderungen immer auch eine nachträgliche Anerkennung des faschistischen Mordmotivs auf. Auch wenn es das damalige Verhalten der Behörden nicht entschuldigt, stehen Justiz und Politik immer noch in der Verantwortung – eine Gedenkplatte wäre in diesem Sinne nur folgerichtig gewesen. Unsere Demonstrationen stießen bei den Stadtoberen allerdings auf taube Ohren. Zum Glück wurde unser Ruf nach einem Ort der Erinnerung aber von Unbekannten erhört: eine Gedenkplatte wurde noch vor dem Termin unserer Kundgebung installiert, so dass wir diese passenderweise am gestrigen Montag einweihen konnten. Sie trägt die folgende Inschrift:

JOSEF ANTON GERA
VERSTARB AM 17. Oktober 1997,
NACHDEM ER AUF DEM EHEM. KRUPPGELÄNDE
VON NEONAZIS ANGEGRIFFEN WURDE

DER HASS GEGEN HOMOSEXUALITÄT WAR DER
GRUND FÜR SEINEN GEWALTSAMEN TOD.

„WIE KANN MAN NUR HASSEN,
DASS MENSCHEN SICH LIEBEN“

Unserer Meinung nach passen die letzten Zeilen (aus „Pro Homo“ von Sookee) gerade in diesem Zusammenhang, weil sie gleichzeitig Homophobie als soziale Einstellung eine unmissverständliche Absage erteilt und eine verbale Faust auf die blinden Augen derjenigen ist, die sich anmaßen, Liebe zu seinen Mitmenschen in Formen und Kategorien zu zwängen. Und allen, die nicht da hineinpassen, die Fähigkeit zu lieben absprechen, ihr Menschsein verneinen. Diese Worte sollten sich gerade auch diejenigen auf der Zunge zergehen lassen, die den Mord an Gera verharmlosten.

Bis zum nächsten Jahr!

Antifaschistische Jugend Bochum, Oktober 2011