Der Krisentheoretiker Robert Kurz stellte letzten Monat im zakk seinen Abgesang auf die Marktwirtschaft vor.

TERZ und NEUSSER MONAT sprachen mit ihm über Marx, Krise, Crash und Riots. (April 2000)

Viele Linke haben gedacht, jetzt kommt eine Antwort auf das Schwarzbuch des Kommunismus.

Robert Kurz: Von mir war nicht der Titel Schwarzbuch des Kapitalismus favorisiert. Schließlich hat sich der Verlag durchgesetzt. Mein Favorit wäre gewesen: „Die Mühlen des Teufels“ oder „Satans Mühlen“, eine Gedichtzeile des englischen Romantikers William Blake, ein im 19. Jahrhundert geflügeltes Wort für das beginnende Fabriksystem.

Nun zu deiner Kritik: Nach dem Ende der Sowjetunion ist die Kritik an der marktwirtschaftlichen Produktionsweise nahezu verstummt. Warum bist du Marktwirtschaftskritiker geblieben?

RK: Ich bin bestimmt nicht Marktwirtschaftskritiker geblieben, weil ich die Theorie exekutieren will. Aber warum soll ich einen Gedanken aufgeben, nur weil im Osten ein System zusammengebrochen ist, das ohnehin sich sehr stark an die Prinzipien der Marktwirtschaft angelehnt hat. Die Gründe, warum man hierzulande Linker geworden ist, sind nicht nur geblieben, sie haben sich sogar in den letzten Jahren noch potenziert.

Kannst du deine Kritik am, wie du es sagst, warenproduzierenden System etwas erläutern?

RK: Den Begriff des warenproduzierenden Systems habe ich bewußt gewählt, weil es unterschiedliche Entwicklungsformen unter einen Hut bringt, aber das Gemeinsame herausstellt. Das System wird dadurch charakterisiert, dass ein Weltsystem von Arbeitsmärkten existiert, das der Warenproduktion vorgeschaltet ist. Deswegen gibt es überhaupt den allgemeinen Warenmarkt. Alle Bedürfnisse und Reproduktionsgegenstände verwandeln sich in Waren und der Zugang zu den Ressourcen erfolgt nur über Arbeitsmärkte. Die Menschheit wird den Kriterien der Arbeitsmärkte unterworfen, ohne über den sinnvollen Einsatz der Ressourcen bestimmen zu können. Darum ist die Kritik an der Warenproduktion identisch mit der Kritik der Reproduktion einer Gesellschaft über Arbeitsmärkte. Das führt sich ad absurdum in dem Maße, wie das System die Arbeitskraft nicht mehr im großen Maßstab vernutzen kann. Da mag man noch so viele Bündnisse für Arbeit herbeireden, die sowieso nicht funktionieren, und nach Arbeit schreien, das System stößt an Grenzen, und es schält sich heraus, wie absurd das Verhältnis ist: Da existieren gigantische Produktivkräfte, die aber nur nach Maßgabe der rentablen Vernetzung von Arbeitskraft den einzelnen Menschen zugänglich sind.

In deinen Schriften prophezeist du seit geraumer Zeit den Zusammenbruch des warenproduzierenden Systems. Woraus leitest du das nahende Ende der Marktwirtschaft ab?

RK: Zwei Sachen sind grundsätzlich zu unterscheiden: 1. wie sich Krise überhaupt abspielt. Das ist ein rein objektivierter Prozess, der sich auf der Ebene von anonymen Konkurrenzverhältnissen herstellt, was der Begründer der modernen Volkswirtschaftslehre, Adam Smith, die unsichtbare Hand genannt hat. 2. Natürlich ist das nicht das Ende des Kapitalismus an sich, in dem Sinne, dass man nun darüber hinweg wäre. Auf der Seite des Bewußtseins findet nach wie vor Kapitalismus statt. Es kann eine Nationalökonomie, eine ganze Weltregion vollständig zusammengebrochen sein, trotzdem ist die soziale Beziehungsform nicht weg. Was zusammenbricht, was an seine Grenzen stößt, ist die rentable Arbeitskraftvernutzung, Sie läßt sich unter den Bedingungen der 3. industriellen Revolution nicht nochmals steigern. Auf der Ebene der menschlichen Subjekte setzt sich das fort als Konkurrenz mit anderen Mitteln. Dann wird sowas entstehen wie Plünderungsökonomie, wie jugoslawische oder russische Verhältnisse: Geldsubjekte ohne Geld. Es bleibt ihnen nur noch, übereinander herzufallen. Eine automatische Selbstaufhebung des Systems gibt es eben nicht.

Spitzen wir doch das Problem mal zu: Du sagst, der naheliegende Zusammenbruch des Kapitalismus ist die Voraussetzung für seine Kritik. Wie sollen wir das verstehen?

RK: Im gewissen Sinne ist das Bewußtwerden der Schranken des Systems eine Voraussetzung, aus der Verinnerlichung der sozialen Beziehungsformen dieser Gesellschaftsordnung wieder herauszukommen. Der Zusammenbruch des marktwirtschaftlichen Systems darf aber nicht so verstanden werden, dass er automatisch Bewußtsein freisetzt.

Du sprichst von anonymen Konkurrenz und Machtverhältnissen, die die Geschicke der Menschheit zu deren Schaden lenken. Gibt es da nicht auch leibhaftige Menschen, die ein Interesse an dem Zustand haben, so wie er ist, weil sie erhebliche Vorteile und Gewinne davontragen. Früher nannten wir solche Leute Kapitalisten.

R.K.: Heute gibt es nicht mehr die eindeutig definierbare Klasse der Kapitalisten. In den USA leben beispielsweise massenhaft Lohnarbeiterfamilien, die halten ihr Konsumniveau nur darüber, dass sie ihre Ersparnisse in den Aktienboom hineingebracht haben, während ihr Realeinkommen auf den Stand der 70er Jahre zurückgebombt wurde. Einerseits ist da das Management, das sich seit den fordistischen Zeiten als die ersten Arbeiter, als das Fleisch vom Fleische empfindet und auch entsprechend verhält, und andererseits gibt es die modernen Lohnarbeiter, die heute in der letzten Phase der postmodernen Entwicklung, der dritten industriellen Revolution, des neoliberalen Umbruchs, der ja auch bis tief in die Lohnarbeiter hineingegangen ist, sich selbst empfinden als die Unternehmer ihrer Arbeitskraft. Wie die sächsisch-bayerische Zukunftskommission gefordert hat: Den Kapitalismus mit sich selbst ausmachen! Das heißt aber nicht, dass so die Negativität des Systems erledigt wäre, im Gegenteil. Es rückt die Frage der Systemkritik in einem viel grundsätzlicheren Sinne ans Licht. Man kann nicht einfach sagen, man müsse die Privateigentümer entmachten, das Eigentum vergesellschaften, und wenn uns die Fabriken gehören, dann geht es uns viel besser, ohne die Frage der sozialen Beziehungsformen, der ökonomischen Beziehungsformen noch in den Blick zu nehmen. Es geht um die gesamtgesellschaftlichen Grundformen von sozialer und ökonomischer Beziehung, die Aushebelung der Konkurrenz, nicht über einen Staatsapparat, sondern über eine Selbstverwaltung, die von der Warenproduktion überhaupt sich verabschiedet. Die Vorstellung, es gäbe Kapitalisten im alten Sinne, als eine eingrenzbare Klasse, die man nur entmachten müsse, und dann könne man so weitermachen wie bisher, findet keinen Anklang mehr, weil es auch einfach nicht mehr stimmt.

Wir sind mit dir einer Meinung, dass es nicht darum geht, unter Staatskontrolle die marktwirtschaftliche Produktion weiterzuführen, wie sie ja in der SU gescheitert ist. Es geht natürlich um eine Gesellschaft jenseits der Warenproduktion. Es ist die Frage, wie man dahin kommt und wie sie aussehen kann. Und da hast du mal Friedrich Engels zitiert, der von einer Gesellschaft sprach, in der „die Leute alles sehr einfach abmachen ohne die Dazwischenkunft des berühmten Werts.“ Noch eine kurze Anmerkung zur Kritik des Staatssozialismus à la DDR. Schon vor 30 Jahren gab es die Kritik unter Linken an der DDR, die die Fortführung der Form der Lohnarbeit dort kritisierte und als Perspektive für ein sozialistisches Land die direkte Produktion von Gebrauchsgütern ohne den Umweg der Wertproduktion vorschlug. Vor 25 Jahren wurden die Leute vom MSB-Spartakus kritisiert, die gesagt haben, der Hauptwiderspruch im Kapitalismus sei der Gegensatz zwischen gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung – und daraus folgt logisch, wenn die Produktion unter Staatskontrolle läuft, ist alles in Butter.

RK: Was nun die immer schon dagewesene Kritik der Warenproduktion z.B. in der neuen Linken angeht, da muss mir irgendwas entgangen sein. Natürlich gab es in der Studentenbewegung so etwas wie die Thematisierung des marxschen Fetischismusbegriffs, das war immer bezogen auf sozialpsychologische Verhältnisse, was natürlich auch seine Berechtigung hatte, aber im harten ökonomischen Sinne, ist es eigentlich wenig bis gar nicht zur Sprache gekommen. Die führenden Theoretiker der Linken sind dem Problem sehr schnell ausgewichen. Nochmal zurück zum Engels-Ausspruch. Für sich kann man die Forderung unterschreiben, sie ist aber erst einmal eine abstrakte Aussage. Bei Engels ist der Pferdefuß, dass er, noch viel mehr als Marx, diesen positiven liberalen Arbeitsbegriff übernommen hat. Das heißt, dass es Aufhebung der Wertform nur innerhalb der Verausgabung abstrakter Arbeitsquanta geben kann. Hier taucht dann das Problem der Leistungsabrechnung auf. Da gab es riesigen Debatten darüber, wie ohne Warenproduktion, ohne Geldform eine Leistungsabrechnung ausschauen soll. Der Kapitalismus ist darüber hinweg. Das Problem ist nicht mehr die individuelle Leistungszurechnung. Das Problem ist, wie mit den sachlichen Potenzen sinnvoll umgegangen wird. Was passiert, wenn diese Leistungsabrechnung überhaupt keinen Sinn mehr macht. Wenn selbst unter kapitalistischen Bedingungen, wo destruktive und sinnlose Produktion stattfindet, schon eine große Masse von Arbeitskräften außer Kurs gesetzt wird – und zwar dauerhaft. Wo soll da noch der Arbeitssozialismus funktionieren. Es ist ein Widerspruch, sich einerseits über abstrakte Arbeit reproduzieren zu wollen, aber andererseits die Wertform aufheben zu wollen. Das sind die zwei Seiten derselben Medaille. Man müßte da weiterdenken. Engels konnte im 19. Jh wohl nur so denken, aber jetzt sind wir mitten in der mikroelektronischen Revolution. Es sind ganz andere Kommunikations- und Vergesellschaftungsmöglichkeiten drin, die aber nur negativ erscheinen. Jetzt muss man das neu denken und formulieren.

Noch eine abschließende Frage zum Verhältnis deiner Analyse zu den vorhandenen sozialen Bewegungen. Du hast sowohl in deinem Vortrag als auch in deinem Buch oft positiv Bezug genommen auf Sozialrevolten in der kapitalistischen Frühphase. Am Ende deines Buches entwickelst du den Begriff von „Gegengesellschaften“, die sich gegen Kapitalverwertung richten. Da ist eine auffällige Übereinstimmung zu Fragmenten autonomer Theorieansätze zu sehen. Die Krisis-Leute jetzt als verkappte Autonome?

RK: Ich will auf keinen Fall sagen, dass alles falsch war, oder dass man da nicht an bestimmten Momenten anknüpfen kann oder sollte. Man muß aber vorsichtig sein. Die bekannten Aufstände, Revolten und Widerstandsaktionen will ich eher als Kontrastmittel zum System sehen und nicht sagen, dass jede Revolte zum Beispiel aus dem 18. Jahrhundert oder eine Brotrebellion ein Schritt in die richtige Richtung war. In dem Sinne: Hauptsache Revolte! Ich denke, es ist wichtig, sich zu erinnern und bewußt zu machen, dass es diese sozialen Revolten gegeben hat. Man kann aber da nicht unmittelbar wieder anknüpfen oder in eine Art romatischer Ahnengalerie verwandeln. Man muss schon sagen, da liegt eine ungeheure historische Zeitspanne dazwischen. Man kann daran sehen, dass die Verhältnisse nicht unwidersprochen waren, dass der Kapitalismus auch nach rückwärts zu delegitimieren ist, dass die Produktivkräfte auch anders hätten entwickelt werden können. Eine wichtige Aufgabe wäre die Untersuchung der Schwachstellen der Kritik oder ob diese selbst noch eingebunden war in Vorstellungen von Warenproduktion. Die Abschaffung der Warenproduktion ist auch nicht so leicht. Man kann sich das ja nicht nur als einen äußerlichen Akt der Abschaffung von Geld und Warenform vorstellen. Vielmehr müssen auch neue Subjekt- und Beziehungsformen geschaffen werden. Gegengesellschaft heißt schließlich auch Gegenkultur, ein Begriff, der auch wieder mit Leben gefüllt werden muss.

Das ist klassischer Anspruch der autonomen Linken, Gegengesellschaften zum herrschenden System zu entwickeln, Sabotage, Aneignung über Hausbesetzung.

RK: Ist ja ok. Auch da wäre die Frage, ob es eine weitergehende Reflektion gibt, die die Fragestellung auf den Punkt bringt, wie die Warenform aufzuheben ist. Also keine Hau-Ruck-Revolte, die die Veränderung der eigenen Subjektform vergisst. Das Kapital ist eben nicht mehr nur da draußen.

Wir danken Dir für das Gespräch.

Quelle